Ein paar Gedanken zu Norwegen und zur veröffentlichten Meinung

champagnero

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13 Dezember 2006
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BMW Z4 e85 roadster 3,0i
Mir ist klar, dass ich mich mit diesem Thema am Rande der Forenregeln bewege, ich will daher auch gar keine politische Diskussion anzetteln.

Was ich mich in den letzten Tagen frage - Anlass ist der Breivik-Prozess in Norwegen - ob es nur mir so geht, dass ich in letzter Zeit immer öfter wahrnehme, dass Medien jeder Art - leider auch immer mehr der sogenannten Qualitätsmeiden - dazu übergehen, Meinungen zu transportieren, und nicht möglichst wertneutral Neuigkeiten ("News") zu verbreiten.

Mir fällt gerade gestern und heute sehr unangenehm auf, wie die toughe, blonde(!), mit zwei Kindern gesegnete (!!) StaatsanwältIN als Heldin stilisiert wird, die sich dem Teufel Breivik furchtlos entgegenwirft. Ich weiss, welche Kaffeesorte sie bevorzugt, auf welcher Seite des Bettes sie schläft etc.(Zumindest gefühlt) Und nicht etwa weil ich RTL II sehe oder die BILD-Zeitung lese, sondern weil ich das ZDF(!) Morgenmagazin schaue. Muss ich sowas wissen, wenn über einen Prozess berichtet wird?

Bin ich der einzige, den das stört? Bin ich der einzige, den stört, dass B. hingestellt wird, als ob er gar nichts anderes sein kann, als verrückt; und dass nach meiner Erinnerung bei den 9/11 Attentätern niemand hinterfragt hat, ob dass Geisteskranke gewesen wären?

Just my 2 cents und Danke fürs Lesen...
 
... Ich weiss, welche Kaffeesorte sie bevorzugt, auf welcher Seite des Bettes sie schläft etc.(Zumindest gefühlt) Und nicht etwa weil ich RTL II sehe oder die BILD-Zeitung lese, sondern weil ich das ZDF(!) Morgenmagazin schaue. Muss ich sowas wissen, wenn über einen Prozess berichtet wird? ...

Nein, das muss man sicherlich nicht wissen, und ja, derartige Berichterstattungen sind nervig. Leider wird in letzter Zeit auch bei vielen seriöseren Medien dazu übergegangen, Fakten mit Klatsch & Tratsch zu garnieren. Als ob man bei Berichterstattungen Unterhaltung nötig hätte.

... Bin ich der einzige, den stört, dass B. hingestellt wird, als ob er gar nichts anderes sein kann, als verrückt; und dass nach meiner Erinnerung bei den 9/11 Attentätern niemand hinterfragt hat, ob dass Geisteskranke gewesen wären? ...

Um das Geschehene zu verstehen (sofern das überhaupt möglich ist), interessiert mich gerade die Klärung der Schuldfähigkeit von Breivik. Ist er im klinischen Sinne krank (Psychose, Persönlichkeitsstörung) oder "nur" ein eiskalter Fanatiker (wobei ich Letzteres auch als psychische Störung begreifen würde)?

Gruß

Kai
 
Moin!

Nun, die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser sog. allumfassenden Recherchen ist berechtigt, aber nicht neu. Seitdem dass im 1. Irak-Krieg vor 20 Jahren Reporter in amerikanischen Panzern mitgefahren sind und live vor Ort berichtet haben, stelle ich mir auch die Frage, wessen Geistes Kinder diese Menschen sind, die sich der schreibenden und sendenden Zunft da verschrieben haben. :j

Aber wir müssen wohl damit leben, dass diese Berichterstatter immer mehr, immer schnellere und immer sinnfreiere Informationen liefern, die uns eigentlich nicht die Bohne interessieren. Anscheinend ist es mit der Medienwelt immer noch so wie damals, als wir noch Kinder waren: Wer am höchsten pinkeln kann, ist der Beste. :p :P

Cheers!
Alex
 
Um das Geschehene zu verstehen (sofern das überhaupt möglich ist), interessiert mich gerade die Klärung der Schuldfähigkeit von Breivik. Ist er im klinischen Sinne krank (Psychose, Persönlichkeitsstörung) oder "nur" ein eiskalter Fanatiker (wobei ich Letzteres auch als psychische Störung begreifen würde)?

Gruß

Kai

Genau das interessiert mich ja auch. Nur scheint für alle, die darüber berichten, offensichtlich klar, dass der nur geisteskrank gewesen sein kann. Über die Gründe, die er anführt macht sich niemand Gedanken, bzw werden die von vornherein überhaupt nicht debattiert.

Und nur zur Klarstellung - es ist natürlich niemals richtig auch nur einen Menschen wegen irgendetwas umzubringen...

Aber mir fehlt die Diskussion darüber, was Menschen zu solchen Taten treibt - wenn man eben nicht die Geisteskrankheit als Fakt ansieht...
 
Ich halte eure Einwände und Bedenken überwiegend für verfehlt. Es ist doch nichts Neues, dass über (hier: relative) Personen der Zeitgeschichte umfassend und je nach Publikationsmedium unterschiedlich berichtet wird. Gerade wird die zuständige Staatsanwältin ähnlich populär wie der Attentäter. Da besteht durchaus Interesse an einer Darstellung, wer diese Frau eigentlich ist. Dieses Interesse der Öffentlichkeit besteht bereits bei sehr viel unspektakuläreren Persönlichkeiten. Das hat sich auch seit dem Caroline-Urteil nicht geändert.

Auch dass unterschiedliche Medien unterschiedlich berichten, sollte nicht überraschen. Neben der BILD ist auch das ZDF-Morgenmagazin nicht gerade die bestmögliche Wahl für seriöse Berichterstattung.

Dann vergesst weiter bitte auch nicht, dass sowohl das Medium Internet zu einer gewissen Änderung der Berichterstattung führt, als auch sich die eigene Wahrnehmung im Laufe der Jahre weiterentwickelt.

... Nur scheint für alle, die darüber berichten, offensichtlich klar, dass der nur geisteskrank gewesen sein kann. Über die Gründe, die er anführt macht sich niemand Gedanken, bzw werden die von vornherein überhaupt nicht debattiert.

... mir fehlt die Diskussion darüber, was Menschen zu solchen Taten treibt - wenn man eben nicht die Geisteskrankheit als Fakt ansieht...

Diese Diskussion wird sowohl unter Fachleuten als auch vor Gericht doch durchaus geführt. Unter Ersteren allerdings - und das ist richtig so - eher vor dem medizinisch-psychologischen Hintergrund. Eine Auseinandersetzung mit den wirren Gedanken dieses Menschen unter anderen Prämissen wäre vollkommen verfehlt. Was die gerichtliche Aufarbeitung betrifft, so macht die Staatsanwältin genau das Richtige, indem Sie dem Täter die Bühne für den Vortrag wirrer Ideologien nimmt. Das hat nichts mit einer "Heldenstilisierung" zu tun - die ich in den Medien auch nicht finden kann -, sondern stellt einfach eine herausragende Leistung der Staatsanwältin dar.
 
Ich würde trennen zwischen der gerichtlichen Aufarbeitung der Geschehnisse in Norwegen und der (in Ermangelung eines passenden Wortes) öffentlichen.

Vor Gericht wird mit Hilfe psychiatrischer Gutachter das Ausmaß der Schuldfähigkeit geklärt. Der Rest ergibt sich aus Tatbestand und Rechtsfolge. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der wirren Gedankenwelt von Breivik ist an diesem Ort fehl am Platze und dem Angeklagten sollte natürlich auch keine Bühne für seine Ideologie geboten werden.

Gleichwohl fragt sich die Öffentlichkeit bei derart erschütternden Ereignissen, was in einem Menschen vorgehen muss, damit so etwas passiert. Eine (sachliche!) Beantwortung dieser Frage kann durchaus von allgemeinem Interesse sein - insbesondere vor dem Hintergrund einer eventuell möglichen frühzeitigen Erkennung gestörter Personen. Und dabei wird man um eine Beschäftigung mit den Gedanken Breiviks nicht herumkommen.

Gruß

Kai
 
etwas abseits vom Thema:

Welche Tageszeitung, auch online,ist überhaupt noch zu empfehlen,wenn man auf neutrale Berichtserstattung Wert legt?
Ich schwanke immer noch zwischen Welt,FAZ und Süddeutsche. :(
 
etwas abseits vom Thema:

Welche Tageszeitung, auch online,ist überhaupt noch zu empfehlen,wenn man auf neutrale Berichtserstattung Wert legt?
Ich schwanke immer noch zwischen Welt,FAZ und Süddeutsche. :(

Auch wenn nicht immer das NonPlusUltra, aber da kann ich persönlich entweder nzz.ch empfehlen, oder guardian.co.uk, aber sicherlich nicht die Welt.
 
Man braucht doch gar nicht zwingend eine vollständig neutrale Berichterstattung. Wenn man weiß, in welche Richtung die Redaktion tendiert, kann man doch beim Lesen entsprechend "gegen(l/d)enken". :)

Viel wichtiger sind eine umfassende und sorgfältige Recherche und Berichterstattung.
 
Man braucht doch gar nicht zwingend eine vollständig neutrale Berichterstattung. Wenn man weiß, in welche Richtung die Redaktion tendiert, kann man doch beim Lesen entsprechend "gegen(l/d)enken". :)

Viel wichtiger sind eine umfassende und sorgfältige Recherche und Berichterstattung.

Bei welcher Tageszeitung wäre dies so?
 
Wäre was "so"?

Es ist doch kein Geheimnis, wohin die diversen Redaktionen tendieren. Und man sollte durchaus zu der Feststellung kommen können, dass manche Redaktionen sorgfältiger arbeiten als andere. Die von dir genannten Beispiele sind doch wohl durchaus akzeptabel.
 
Wäre was "so"?

Es ist doch kein Geheimnis, wohin die diversen Redaktionen tendieren. Und man sollte durchaus zu der Feststellung kommen können, dass manche Redaktionen sorgfältiger arbeiten als andere. Die von dir genannten Beispiele sind doch wohl durchaus akzeptabel.

Ich bedanke mich Herr Brummm.
 
Was ich mich in den letzten Tagen frage - Anlass ist der Breivik-Prozess in Norwegen - ob es nur mir so geht, dass ich in letzter Zeit immer öfter wahrnehme, dass Medien jeder Art - leider auch immer mehr der sogenannten Qualitätsmeiden - dazu übergehen, Meinungen zu transportieren, und nicht möglichst wertneutral Neuigkeiten ("News") zu verbreiten.
ZDF ist staatsfernsehen und staatsfernsehen hat auch seine ausrichtung, seine agenda, seine hintermänner. wenn ich sehe, wie diese seriösen medien (beispielsweise auch renommierte magazine, wie SPIEGEL) über das thema nordkorea berichten und wie viel zynismus darin steckt, könnte man denken, dass nordkorea aus lauter vollprimaten, statt menschen, besteht. vom politisch korrekten interview eines klaus kleber vs. ahmadinejad (welches als desaster endete) ganz zu schweigen. dazu kommen die alltäglichen "interviews" mit fußballspielern, welchen zwei minuten nach dem abpfiff mit provokanten und genauso wohlüberlegten fragen versucht wird einzuheizen. da werden gespräche nicht MIT den leuten geführt, sondern GEGEN diese.

Bin ich der einzige, den das stört? Bin ich der einzige, den stört, dass B. hingestellt wird, als ob er gar nichts anderes sein kann, als verrückt; und dass nach meiner Erinnerung bei den 9/11 Attentätern niemand hinterfragt hat, ob dass Geisteskranke gewesen wären?

Just my 2 cents und Danke fürs Lesen...
es ist recht einfach...gibt es in einem haushalt mit bestimmten hintergrund einen kugelhagel, schon ist es ein ehrenmord. passiert dies "woanders", kommt das in einer regionalausgabe in die kategorie "familiendrama"........mehr nicht.

breivik wird mit hohem kraftaufwand als kranker freak hingestellt, aber vor allem als einzeltäter. man isoliert ihn und sein gedankengut, während beispielsweise nach 9/11 weltweit jeder anhänger einer bestimmten weltreligion unter generalverdacht gestellt (die deutschen haben erfahrung mit dem thema generalverdacht und tun es trotzdem) wird und noch mehr, denn bush junior sagte ja: either you are with us or with the terrorists......so einfach ist die welt schon. man vergleiche mal, wie oft die abschiedsbriefe der 9/11 attentäter zitiert wurden und wie oft das manifest von breivik zitiert wurde und letzteres ist wirklich krank, wirklich detailliertes, krankes zeug. reif für einen dr. honoris causa...

das system, welches breivik vertritt, wird verharmlost oder ignoriert, obwohl es in westeuropa in immer mehr köpfen schlummert und leute, wie geert wilders ihre gehirnwäschereien auf höchster politischer ebene betreiben. über motive spricht man in den medien ungern. es ist ihnen peinlich. so ein hochentwickeltes land und dann das! "wie konnte das nur passieren?" etc.

dagegen wird man in keinem westlichen medium lesen/hören können, weshalb beispielsweise der unendlich böse iran gewisse dinge mit seinem lieblingsnachbarn vor hat, welche ihm unterstellt werden, dass er sie vor hat. würde man über solche motive der "gegenseite" sprechen, so würde diese neu entstandene bühne viele schlafende lemmings wecken, welche anfangen würden selbständig darüber nachzudenken was in der welt eigentlich abgeht und peinliche fragen würden geklärt werden müssen, wie z.b., weshalb das andere land ca. 200 atomare sprengköpfe besitzt aber selber jegliche kontrolle und existenz verweigert bzw. unkommentiert lässt.

daher muss ich lachen, wenn ich die frage nach einem neutralen medium in D beantworten muss. ich würde da eher auf die seriösität verweisen, denn das ist die BILD ja auch. sie meint es ernst - also seriös - mit ihrer verdummungsstrategie. neutralität gibt es nicht.

kauft euch die TITANIC und dann passt das schon.
 
Ich würde trennen zwischen der gerichtlichen Aufarbeitung der Geschehnisse in Norwegen und der (in Ermangelung eines passenden Wortes) öffentlichen.

Vor Gericht wird mit Hilfe psychiatrischer Gutachter das Ausmaß der Schuldfähigkeit geklärt. Der Rest ergibt sich aus Tatbestand und Rechtsfolge. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der wirren Gedankenwelt von Breivik ist an diesem Ort fehl am Platze und dem Angeklagten sollte natürlich auch keine Bühne für seine Ideologie geboten werden.

Gleichwohl fragt sich die Öffentlichkeit bei derart erschütternden Ereignissen, was in einem Menschen vorgehen muss, damit so etwas passiert. Eine (sachliche!) Beantwortung dieser Frage kann durchaus von allgemeinem Interesse sein - insbesondere vor dem Hintergrund einer eventuell möglichen frühzeitigen Erkennung gestörter Personen. Und dabei wird man um eine Beschäftigung mit den Gedanken Breiviks nicht herumkommen.

Gruß

Kai

Servus Kai,

obwohl ich deine Gedanken sehr gut nachvollziehen kann, wiederstrebt es mir zutiefst mich mit dem Gedankengut eines solchen Menschen auseinander zu setzen! Aber im Kern ist es klar, die Fachleute müssen sich damit beschäftigen um zumindest die Theoretische Möglichkeit zu schaffen, um ein besseres Raster für solche Typen zu erstellen. Wie schwierig das jedoch ist, haben wir im Falle der kleinen Lena erleben müssen.
 
Den Einzelnen Täter verstehen wollen..Nun gut, warum muss das sein? Wer hat welchen Nutzen dadurch? Avicenna-Normalverbraucher primär doch erstmal nicht, es sei denn die Befriedigung meiner Neugierde und meines Bedürfnisses nach gruseligem Schauer vor dem sicheren heimischen Kamin sei ein Wert an sich.

Das Gericht dem die Verantwortung einer juristischen Bewertung obliegt ganz sicher.

Die Allgemeinheit auch, aber weniger im Sinne einer durchdringenden Berichterstattung (wobei ich weder wissen muss welchen Kaffee die Staatsanwältin trinkt, noch welcher perfide Synapsenunfall im Hirne eines Breivig stattfindet), sondern eher im Sinne einer Ursachenforschung die darauf aus ist präventive Maßnahmen in das Netz des sozialen Lebens zu integrieren. Juristisch, pädagogisch, politisch.
Und genau dabei würde ich für meine Person gerne teilhaben, informiert sein und mitdiskutieren/mitdenken wollen. Aber in dieser Hinsicht herrscht leider eher Funkstille...
 
Ich will mich jetzt gar nicht zu sehr in die politische/psychologische Diskussion einmischen, aber eines möchte ich dich gerne zum Ausdruck bringen:
Egal aus welchen Gründen auch immer, ob es jetzt zur "Bekehrung von Ungläuben", zum Setzen eines Zeichens, zur Demonstration der Macht oder um den Kampf um Rohstoffe ist - Es gibt keine Entschuldigung dafür ein Menschen umzubringen.

Wenn ein Andres Brevik in Oslo 70 Jugendliche umbringt ist das genau so schlimm, wie wenn in Jalalalalabad ein Dorf mit Zivilisten bombardiert wird.
Vielleicht sogar noch schlimmer, weil die Soldaten am Ende als Patrioten gefeiert werden, aber lassen wir das ...

Es ist auch nichts ehrenhaft daran als Märtyrer zu sterben und möglichst viele Menschen umzubringen.
Wenn man tot ist, dann ist man tot - das kann keiner mehr Rückgängig machen.
 
ich denke, dass ein Soldat anderen Voraussetzungen unterlegen ist ... und nicht zwingend Spaß am Töten hat
Stimmt auf jeden Fall!
Ich meinte damit aber auch nicht die Motive, sondern eher die Tatsache und die Reaktion darauf.

Wie viel "große" und "gloreiche" Schlachten es schon gab wo viele Millionen Menschen sinnlos ihr Leben gelassen haben, weil sie Befehle befolgt haben.

Aber das soll hier auch nicht das Thema sein :)
 
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