Servus!
Die klischeehafte Mär der Wertminderung bei vielen Vorbesitzern ist völlig unbegründet und gleichzusetzen mit der gutbürgerlichen Argumentation, dass Autos über 100 TKM gleich kaputt gehen und ab einem Alter von 10 Jahre nur noch Schrottwert hätten. Vor 40 und mehr Jahren mag das der Fall gewesen sein, als mein Opa seinen damals als Neuwagen erworbenen VW 411 nach sechs (!) Jahren mangels werkseitigem Korrosionsschutz wegen Durchrostungen in die Presse schmeißen konnte. Oder als mein Vater in den Spätsiebzigern schon als Berufspendler nach drei Jahren und 140 TKM seinen Simca 1308 wegen Verschleiß gegen einen Talbot Solara wechselte.
Aber heute gilt das nicht mehr; zumindest, wenn man sein Auto einigermaßen hegt und pflegt. Vorbesitzer sind öne, entscheidend ist der jetzige Allgemeinzustand und nicht das, was vor 2, 3 oder mehr Jahren mal war. Sonst dürfte man im Grunde ja auch keinen restaurierten Oldtimer kaufen, weil der ja auch in grauer Vorzeit mal entliebt in einer Scheune gestanden und gegammelt hat. Viel wichtiger als das Auto ist der Vorbesitzer selbst. Wie geht der mit dem Auto um? Wie geht er mit seinen anderen, mitunter teuren Gegenständen um? Wie ist dessen soziales Umfeld beschaffen? - Kaufe nur vom Händler, niemals von privat, heißt es oft. Wieso? Der Privatier kennt sein Auto. Der Händler nur das, was man ihm erzählt.
Nach 20 Jahren Führerschein und gut ebenso vielen eigenen Autos gebe ich ein paar generelle Tipps zum Autokauf:
- Ein Schnäppchen findet man nur, wenn man 100mal NEIN sagen kann!
- Immer selber anschauen; noch besser: Vorher gut telefonieren!
- Nie von einem Dealer/Aufkäufer/Kiesplatzhändler kaufen! Nie!
- Sprüche wie 'Ich verkaufe für einen Freund/ Schwester' usw. sind immer gelogen!
- Frage nach 'Wer ist in die Papiere eingetragen?' Und Namen vorlesen lassen. Auf keine Ablenkungsmanöver reinfallen. Und nach vollständigem Namen des Telefonpartners fragen. Insgesamt also sicherstellen, dass man mit dem Eigentümer UND letzten Halter spricht. Alles andere NICHT kaufen, NICHT anschauen usw. - einfach vergessen!
- Ein professionelles und gut vorbereitetes Telefonat spart Zeit, Kosten und Ärger! Am Telefon z.B. zu 'falschen' Antworten reizen, z.B. 'Sagen Sie, geht der Wagen denn auch richtig?' Wenn der Verkäufer sich auf ein unüberlegtes 'Na klar, wenn ich das Pedal durchtrete, dann sollten sie mal fühlen wie es Sie in den Sitz preßt' herausfordern läßt, dann kann man sich schon vorstellen, welchen Heizer man an der Strippe hat.
Anderes Beispiel: 'Mein Bekannter sagt, wenn sein Z4 kalt ist, dann geht er nicht richtig.' Wenn dann kommt 'Nee, meinen können sie kalt starten und der braust mit dem ersten Tritt', ist auch klar, dass der Zylinderkopf nicht der Freund des Anbieters ist. Besser kommt da natürlich ein 'Ach wissen sie, kalt fahre ich nicht voll'
- Wichtig ist beim Schauen weniger der Wagen, als vielmehr der Verkäufer, seine Familienangehörigen, sein Milieu, seine Wohngegend, seine Freunde. Ist er alleine oder braucht er Verstärkung durch eigentlich überflüssige, herumstehende Freunde usw.? Ist er selber gepflegt? Ein Bauchgefühl wie 'Hier stößt mich etwas ab!' sofort befolgen und abbrechen! Wie ist der Wagen gereinigt? Oder: Kümmert sich der Verkäufer auch um Details? Seine sonstigen Anlagen pflegt er sicher nicht anders als seinen Wagen: Klappriges Gartentor, ein Stift auf dem Schreibtisch der nicht funktioniert und trotzdem dort liegt usw. - alles beobachten und sich immer fragen, ob es Rückschlüsse darauf zuläßt, wie der Verkäufer mit der Sache umgeht, wenn man nicht anwesend ist.
- Wie geht der Verkäufer mit seinen sonstigen Sachen um? Insbesondere rate ich vom Kauf von Ex-Statussymbolen ab, weil immer mehr Geltungssucht des Besitzers, als Kleingeld für nötige Wartung vorhanden ist. Die Summe der verdeckten Fehler ist immer größer als der Gewinn des vermeintlich günstigen Preises.
- Bei der Probefahrt NICHT selber fahren, sondern immer fahren lassen! Kein Radio, möglichst wenig oder kein Gequatsche. Sich auf Geräusche und die Fahrweise des Fahrers konzentrieren. Frage: Möchte ich Auto bei dem Fahrer sein? Und auch hier kommt nach 3 Minuten die Frage gut 'Sagen Sie, geht der Wagen denn auch 'mal richtig?' Wenn dann der Fahrer denkt 'Aha, jetzt zeige ich mal welchen Renner ich anbiete', dann ist man natürlich beeindruckt - und fährt ohne den Wagen heimwärts!
- Ein Auto muss lachen! Ja! Sieht man den Wagen das erste Mal, dann muß er einen anlachen. Wie oft hat man schon traurige Autos gesehen. Lacht das Auto nicht, dann sowieso die Finger weg!
Bedenkt man obiges, dann ist klar, dass man schon 90% der 'Schnäppchen' im Netz enttarnt durch aufmerksames Lesen der Anzeige, vom Rest nochmal 90% nach dem ersten Telefonat. Bleibt ca 1 Kauf auf 100 Schnäppchen im Netz. Übrigens sind Regionalanzeigen viel ergiebiger als das Netz. Und: Es gibt viele scheue Verkäufer, die prinzipiell nicht inserieren. Solche sprechen die Dealer mit diesen dämlichen 'Kaufe alles'-Anzeigen an. Kaum zu glauben, aber da melden sich Leute, einer von Hundert, die ein schlechtes Gewissen haben, gute Autos für wenig Geld abzugeben.
Wünsche gutes Gelingen beim nächsten Autokauf!
Alex