Eine kleine Geschichte zum Weihnachtsfest
Wegen des Ukraine-Krieges drehen wir die Heizung herunter und sparen Strom. Das erinnert mich an meine Kindheit hier in Wesseling.
1958 - ich war gerade mal 1 Jahr alt - waren die Wohnblocks in der Siegstraße brandneu und komfortabel. Es gab fließendes Wasser im Bad und in der Küche, das WC war in der Wohnung. Natürlich nur kaltes Wasser! Und dann gab es den Superluxus: eine Badewanne und darüber einen Heißwasserboiler. Lange ist schon in Vergessenheit geraten, dass eine solche Ausstattung damals noch nicht weit verbreitet war. Eine Zentralheizung gab es nicht, nur einen Kohleofen in der Küche. Alle anderen Räume der 65 m²-Wohnung waren ungeheizt. Wir Kinder schliefen zu dritt und später zu viert in einem Zimmer von 12 m². Etagenbetten waren damals groß in Mode. Allein in unserem Hauseingang mit 6 Familien gab es 16 Kinder.
Schnee gab es in jedem Winter. Die dünnen Fensterscheiben waren nicht isoliert, und so gab es morgens auf der Innenseite des Fensters einen fingerdicken Eispanzer, der sich in wunderschönen Eisblumen über das Fenster erstreckte. Es wurde ein Handtuch vorgelegt, und dann kam ein elektrischer Heizlüfter vor das Fenster, um es abzutauen. Nur dann hatten wir warme Luft im Zimmer, wenn sich nicht etwas Wärme aus der Küche bis zu uns verirrte.
Wenn es irgendwie möglich war, waren wir draußen zum Schlittenfahren, entweder gleich hinter dem Haus und über die Siegstraße hinweg (Autos gab es in dieser Gegend kaum welche Anfang der Sechziger), oder aber am großen Hügel an der Feldmühle. Handschuhe wurden von der Mutter gestrickt und waren nach den ersten Schneebällen durchnäßt. Kam man durchgefroren von draußen herein, war es auch im Zimmer schön, selbst wenn man einen Pullover tragen musste. Und dann spielte ich mit den neuen Weihnachtsgeschenken. Die Nüsse und anderen Leckereien auf den Weihnachtstellern waren da von allen Geschwistern schon penibel durchgezählt worden, damit auch keiner mehr bekam als andere.
Das ist keine "früher war alles besser"-Geschichte, wie man unschwer erkennen kann. Es war die damalige Normalität, wir kannten es nicht anders und kamen gut zurecht. Hätten wir es besser gehabt mit einer Zentralheizung? Mit fließend heißem Wasser? Bequemer sicherlich, aber so ging es eben auch. Kein Telefon, ein winziger Schwarz-Weiß-Fernseher, kein Computer, keine Spielekonsole, kein Internet.
Leider oder zum Glück haben viele Menschen diese Zeit der Bescheidenheit und die Umstände nicht miterlebt oder vielleicht vergessen. Die Ansprüche sind über alle Vernunft hinausgewachsen, unsere Wunschträume von damals sind längst zur Selbstverständlichkeit geworden, auf die man unmöglich verzichten zu können glaubt.
Gerne habe ich jetzt unsere Heizungsthermostate etwas heruntergedreht und die Wassertemperatur auf das Nötige reduziert. Einige Räume im Haus sind fast ungeheizt, so wie es früher war. Und ich denke dabei an die Menschen in der Ukraine und anderswo, die ohne Strom und Wärme auskommen müssen, weil ihnen ein Wahnsinniger die Infrastruktur und die Dächer über dem Kopf kaputtbombt. Und jeden Tag können sie selbst dabei draufgehen. So viele Tote auf beiden Seiten, ohne jeglichen Sinn.
Weihnachten ist doch das Fest des Weihnachtsmannes, der Weihnachtsgans, der Weihnachtsgeschenke, der Weihnachtsmärkte, oder nicht?
Oder sollte man sich nicht doch lieber an den christlichen Hintergrund erinnern? Wenn wir uns hier in Deutschland mal wieder über irgendwas aufregen, wäre es schön, ab und zu innezuhalten und die Dinge in Perspektive zu setzen. Viele unserer kleinen und großen Aufreger sind erträglich oder unerheblich gegenüber dem, was Menschen nicht zu fern von uns aushalten müssen.
Solidarität mit Menschen in Not zu zeigen, ist kein politisches Ziel, sondern ein christliches.
Die Welt können wir sicher nicht retten, aber jeder kann selbst etwas tun, um die Not und das Leid anderer ein kleines Bißchen zu mindern.
Seit dem 10. März wohnt, wie vielleicht schon bekannt, eine ukrainische Mutter mit ihren beiden Töchtern bei uns. Das bedeutet Verzicht für alle Beteiligten. Die Kinder vermissen ihr alltägliches Leben, ihre Freunde und Verwandten, aber sie halten aus. Die Mutter hält die Familie zusammen. Alle fürchten sich vor Nachrichten aus der Heimat. Der Papa, der in der Ukraine bleiben musste, wird natürlich am Meisten vermisst. Alle lernen fleißig, um die Zeit bestmöglich zu nutzen. Wo wir können, unterstützen wir natürlich. Wir betrachten sie als Teil unserer Familie, und unsere Katzen tun das auch.
Nun ist es uns gelungen, ein besonderes Weihnachtsfest vorzubereiten. Heute feiern wir den Heiligen Abend zusammen mit unserer erweiterten Familie. Es gibt Truthahn, einen Weihnachtsbaum und auch Geschenke für die Kinder. Das größte Geschenk haben wir aber nicht einpacken können: es ist gelungen, den Papa der Mädchen aus der Ukraine loszueisen und für 2 Wochen zu uns zu holen. Er hat seine Familie seit März nur im Videocall gesehen. Bis zum Schluss war unklar, ob man ihn über die Grenze lassen würde.
Das Strahlen der Kinder beim Anblick ihres Papas ist das schönste Geschenk für uns. Es wärmt uns so, dass wir glatt die Temperatur noch etwas absenken könnten. Vielleicht nicht ganz so tief, wie es früher in Wesseling üblich war, aber in Frieden, umgeben von glücklichen Menschen. Und für kurze Zeit mit weniger Angst.
Ich wünsche allen Menschen ein ruhiges und frohes Weihnachtsfest!