Da widersprichst du dich ein wenig. Du gibst ja unten selbst schon an, dass Freigaben teuer sind, weil die Tests dafür enorm teuer sind und der Hersteller mit etwas Pech mehrere Anläufe benötigt, bis die Rezeptur stimmt:
Dein Münzeinwurf hingegen klingt so, als müsste der Hersteller des Öls nur Geld bezahlen und dann würde auch Frittenöl eine Herstellerfreigabe kriegen.
Man liest diesen Mythos häufig im Internet, das Freigaben nichts wert sind, weil sie gegen Handgeld in Form von Sponsorings verliehen werden. Wäre ein Hersteller wirklich so doof um für eine Suppe zu haften von der er nicht weiß, ob sie seinen Motor nicht schrottet? Öl ist ein Verschleißteil. Würde man gleichermaßen mit Bremsen oder Zündkerzen verfahren? Einfach irgendwas einbauen?
Die Wahrheit ist, dass bestimmte high-end Öle mit 2-3 OEM-Freigaben bis zu 50 verschiedene Motoren
tests in bis zu 30 verschiedenen Motoren
typen durchlaufen mussten bis auf der Rückseite der Flasche so etwas langweiliges wie ACEA, API oder OEM xy steht.
@3.0ti : Kannst du eigentlich grob einschätzen, ob die Hersteller im Freigabe-Testprozess oft die "Rezeptur" ändern müssen, oder ob das fast immer schon hausintern geregelt wird und dann nur noch als Bestätigung der BMW-Test erfolgt?
Sehr gute Frage!
Öle sind deshalb so unterschiedlich, weil heutige Motoren sehr unterschiedliche Anforderungen an sie stellen. Deshalb gibt es auch eine so große Fülle an Produkten.
Hat ein Ölhersteller Expertise auf dem Gebiet eines Herstellers, weil er schon mal Produkte für sie entwickelt hat, braucht es nicht viele Anläufe in Form von verschiedenen Rezepturen um das Programm zu durchlaufen. Vielleicht 15 Formulierungen. Hat er sie nicht, weil irgendwo ein Star-Formulierer in Rente gegangen ist oder die Entwicklungsabteilung klein ist, dann kann es durch aus mal 50 oder mehr verschiedene Prototypen geben bis das Produkt alles erfüllt. Dann wirds schnell zum teuren Scheibenschießen.
Zur Einordnung was ein Öl heute leisten muss um eine zeitlich begrenzte BMW LL-17FE+ (0W-20) Freigabe zu bekommen, z.B. im M40i G29. Ausgangsbasis ist für die BMW 0W-20 Spezifikation die ACEA C5 Spezifikation:
Labortests: Viskosität, Verdampfung, Elastomere, Elemente, Säure/Baselevel, Aschegehalt, Schaumverhalten, Alterungsbeständigkeit
Motorentests:
| Test | Motor / Hardware | Bewerteter Schwerpunkt |
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| EP6CDT | PSA EP6CDT (Prince) | Schlamm, Oxidation, Steuertrieb |
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| ASTM Seq. VH | Chrysler Pentastar 3.6L | Niedertemperatur‑Schlamm |
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| ASTM Seq. IVB | Toyota 2NR‑FE | Ventiltriebverschleiß |
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| CEC L‑107 (M271 EVO) | Mercedes‑Benz M271 EVO | Hochtemperatur‑Schlamm / Oxidation |
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| CEC M111 | Mercedes‑Benz M111 | Schlamm- / Lackbildung |
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| DV6C | PSA DV6C | Kolben‑ & Ringnutablagerungen |
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| OM646LA | Mercedes‑Benz OM646LA | Ventiltrieb‑ & Nockenverschleiß |
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| VW TDI | VW 2.0 L TDI | Kolbensauberkeit |
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Nachdem diese Eintrittskarte abgearbeitet ist, kommen die BMW-spezifischen Tests:
| Test | Motor / Hardware | Bewerteter Schwerpunkt |
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| FZG | Zahnradprüfstand | Lasttragfähigkeit (Korrelation zum Schneckenrad Valvetronic) |
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| BMW N42 Wear | BMW N42 | Ventiltriebverschleiß (RNT), Ölfilmstabilität |
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| BMW B47 Aeration | BMW B47 | Lufteintrag, Schaumbildung, Luftabscheidevermögen bei Überfüllung und hohen Drehzahlen |
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| BMW B48 Aeration | BMW B48 | Lufteintrag, Schaumbildung, Luftabscheidevermögen bei Überfüllung und hohen Drehzahlen |
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| BMW Fuel Economy | BMW B‑Serie (B47/B48) | Reibungsreduktion, Verbrauch (4 Tests, 3 Zyklen, 2 Motoren) |
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| BMW Oil Oxidation Endurance | BMW B48 | Oxidations‑ & Viskositätsstabilität in allen Last-/Drehzahlbereichen (Endgegner) |
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| BMW IUCT | BMW B48 | Niedrigtemperaturkorrosionstest / Kaltschlammtest (Thema Kurzstrecke bei Hybriden) |
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| BMW Turbo Cleanliness | BMW B47 | Heißablagerungen im Lader |
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Ein Produkt mit dieser absoluten Minimum-Performance zu entwickeln, testen, freizugeben und in den Markt zu bringen dauert grob zwei Jahre und kostet Siebenstellig. Will man weitere OEM-Freigaben anderer Hersteller draufpacken, muss man damit rechnen, dass sich die Anforderungen gegenseitig beißen und mit einem Produkt sehr schwer zu erfüllen sind. Folge: Dauer und Kosten explodieren
Das können sich nur die großen Konzerne bzw. Additivhersteller leisten. Diese machen die Vorarbeit. Am Ende kommen dann Kaufland und andere namhafte, regionale Hersteller, die sich das fertige Öl oder zumindest den fertigen Chemiebaukasten kaufen und nicht wenige tun so als hätten sie es selbst entwickelt, weil sie vielleicht eine Priese eines Additivs dazugegeben haben oder die Trägerflüssigkeit (Grundöl) ausgetauscht haben. Das ist Entwicklung Light.
Wenn man nun bedenkt, wie ausbalanciert und fragil eine Rezeptur ist, die all diese Anforderungen erfüllt und dann jemand von der Seite kommt und eigenständig noch irgendwas aus dem Baumarkt reinhaut, weil das Internet sagt, es würde irgendeine Eigenschaft verbessern, dann muss man kein Experte sein um zu wissen, dass die Rezeptur kippt und damit auch die performance.
Das ist aber ein anderes Thema, wo sehr viel Beratungsresistenz rumläuft.