Neulich in Madrid...

dwz8

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2 August 2004
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madrid.jpg

Nein, ich bin nun wirklich kein Kunstfanatiker. Weder kenne ich mich in den verschiedenen Kunststilen aus, noch sagen mir Künstlernamen sonderlich viel. Höchstens, wenn sie schon lange tot sind. Oder wenn ich mich mal ausgeschüttet habe vor Lachen über ein Kunstwerk, das von normalem Hausmüll nicht zu unterscheiden war. Dann merke ich mir den Namen vielleicht doch. Pik-Asso zum Beispiel, den kann ich mir merken, weil nach ihm eine Skatkarte benannt wurde.

Und doch gibt es ab und an den Moment, wo man innehält, weil man etwas gesehen hat, was einen berührt. Im Rheinland sagt man dann „Och, dat wor ävver jetz schön, ne.“ (Für die Nichtrheinländer: „Oh, ich hätte jetzt nicht damit gerechnet, in dieser Umgebung ein derart beeindruckendes Kunstwerk zu entdecken“).

Und neulich, in Madrid, passierte mir das gleich zwei Mal.
 
Camillo Torregiani: Isabel II, velada

In einem Raum des Madrider Museo del Prado entdeckte ich diese Marmorbüste. Nun sind Marmorbüsten keine Seltenheit im Prado, und in der Regel ziehen sie meine Aufmerksamkeit nicht auf sich. Doch bei dieser Figur war es vom ersten Augenblick an anders.

isabel.jpg

Die Besonderheit liegt natürlich in dem Schleier, der den Kopf umgibt. Beim kleinsten Lufthauch wird er sich bewegen, gleichzeitig schützt er die Dame vor zudringlichen Blicken. All dies ist natürlich Illusion, denn Marmor weht nicht so leicht im Wind. Und er ist auch nicht semitransparent. Oder vielleicht doch?

Es ist faszinierend zu sehen, wie aus einem soliden Klotz diese filigranen Formen herausgearbeitet wurden. Später habe ich nachgelesen, dass der Künstler einfach mal eine andere Form von Büste schaffen wollte, um die betreffende Königin zu beeindrucken. Welche Vorstellungskraft gehört dazu, Marmor so zu bearbeiten, dass er diesen Eindruck erweckt? Es ist ein steter Wechsel von massivem Material für die Falten und rauer Oberfläche für die transparenten Bereiche, der die perfekte Illusion vollbringt. Immer und immer wieder bin ich um die Büste herumgegangen, um die Details zu studieren. So habe ich in meinem ganzen Leben noch keine Marmorbüste angeschaut.

Der echte Kunstliebhaber wird spätestens jetzt herumnörgeln, dass das ja nur eine Auftragsarbeit gewesen sei und dass das, was mich fasziniert, ja nur handwerkliches Geschick gewesen sei. Zum Glück habe ich kaum jemanden dieser Art in der näheren Bekanntschaft.

Die Figur beeindruckte mich so, wie sie da steht. Ich unterscheide nicht zwischen Idee und Ausführung, sondern richte mich nach dem Ergebnis. So gehe ich ja auch vor, wenn ich den Eindruck beurteilen soll, den Fett auf einem Stuhl oder Müll in einer Badewanne auf mich hat.

Es geht eine unglaubliche Faszination von dieser Büste aus, die sich aus vielem zusammensetzt. Ein falscher Schlag mit dem Werkzeug, und das Werk ist verdorben. Die unglaubliche Herausforderung, ein Gesicht in Marmor mit großer Ähnlichkeit zum Vorbild auszuführen. Und das unter einem Schleier, der nicht nachträglich übergeworfen wird, sondern fest verankerter Bestandteil des Ganzen ist.

Aber vielleicht ist auch das nur eine Illusion. Vielleicht hat Torregiani zuerst das Gesicht geschaffen, und dann den Schleier übergeworfen. Seht hin, er bewegt sich ja fast noch…

https://www.museodelprado.es/colecc...i-velada/d51dff32-4043-4630-9539-d2d8e528222e
 
Philip Guston: Ground

Im Museo Nacional Reina Sofia ereilte mich dann gleich noch ein „Och“-Moment. Wer könnte es mir angesichts dieses Werkes auch verdenken?

guston.jpg

Dieses höchst ausdrucksvolle Bild fesselte meine Aufmerksamkeit sofort, erfasste ich doch gleich die Herausforderung für die meisten Betrachter, den tieferen Sinn dieser zwei Linien zu erfassen.

Nur ein Banause würde diese Komposition als zwei Linien beschreiben, von denen die eine an die andere stößt. Doch was steckt dahinter? Welcher tiefere Sinn trieb den Künstler an, wertvolle Farbe in dieser Form auf Papier zu verteilen? Es scheint mir unzweifelhaft, dass diese Linien ein Abbild unserer komplexen Gesellschaft darstellen. Wahrscheinlich gibt es mehrere Möglichkeiten der Interpretation.

1. Versuch einer Interpretation

Die horizontale Linie beginnt mit einem Anstieg, das deutet auf den Aufschwung hin, den unsere Zivilisation seit ihrem Entstehen genommen hat. Die Bürde dieses stetigen Strebens nach mehr wurde aber so schwer, dass die nach oben gerichtete Entwicklungslinie ins Horizontale abknickte. Der Künstler stellte dann flugs eine Stützstrebe darunter, um zumindest den jetzigen Stand halten zu können. Unklar ist aber, wie es in Zukunft weitergeht, da die Linie am rechten Rand unvermittelt abbricht. Gibt es noch einmal einen Trend nach oben? Oder tritt irgendwann jemand die Stützstrebe weg, und alles versinkt im Chaos? Ein faszinierend prägnantes Bild der Menschheit wird uns hier vor Augen geführt.

2. Versuch einer Interpretation

Lassen wir das Bild noch einmal auf uns wirken. Vor uns liegt der unendliche Horizont, dahinter das Meer. Bis hierher können wir die spielenden Kinder lachen hören. Ein Weg führt auf direktem Weg zur Küste. Alles flach, gleichförmig, kein Fußball, mit anderen Worten: Holland, wie es leibt und lebt.

3. Versuch einer Interpretation

Das Bild ist eine Zukunftsvision aus Sicht des Künstlers, der lange Zeit in den USA lebte. Die zwei Linien formen ein großes T, an dessen linker Seite wir die herabwehende Locke Donald Trumps erkennen können. Sonst nichts als Leere, keine Inspiration, keine Intelligenz, kein Anstand. Mit unglaublicher Treffsicherheit hat der Künstler damit die politische Entwicklung des Jahres 2017 vorweggenommen.

Die drei Versuche einer Interpretation zeigen schon die Vielseitigkeit des Kunstwerks auf. Ein Werk, das an Genialität nicht zu überbieten ist. Niemand darf bezweifeln, dass dies ernstzunehmende Kunst ist. Allein schon die Kunst, ein Blatt Papier mit nichts als zwei Linien in ein spanisches Museum zu bringen, ist unser aller Anerkennung wert. Und außerdem hat uns das Kunstwerk zum Nachdenken über die ernsten Dinge des Lebens gebracht, was ganz sicher der Intention des Künstlers entsprach.

http://www.museoreinasofia.es/en/collection/artwork/ground
 
Selfie: Pan, Gott

In Frankreich gibt es auch so was wie Madrid, das heißt dort Paris. Dort kam mir 2015 im Park von Versailles der Gott Pan ins Visier. Da er so gut zum Thema Marmor passt, meißele ich ihn hier mal ein.

pan.jpg

Es überraschte mich damals, dass bereits die Götter eigene Smartphones besaßen.

Ich denke, dass Pan hier ein Marmorphone 8s in der Hand hat, mit Pan-Optikum (Retina-Display für Pan und ähnliche Götter), um seinem Kumpel Zeus etwas über seinen Plan von Pan-em et Circenses zu berichten (Pan geht in den Zirkus). Leider hat Zeus wohl seine Handyrechnung nicht bezahlt, so dass Pan vergeblich auf Antwort wartet. Darüber ist er dann versteinert. Sowas nennt man daher auch heute noch eine Pan-ne.

So steht er nun in Pan-toffeln und ohne seinen Pan-da im Pan-Orama herum, wie ein Pan-Tomime. Und er erinnert uns ganz ohne Pan-ik daran, wie eng doch die griechische Götterwelt auch heute noch mit uns verbunden ist.
 
Schmeiß mich weg[emoji23] [emoji23]

Danke für die Nachhilfe in Künstlerischer Interpretation[emoji106] [emoji106] [emoji482]
 
Camillo Torregiani: Isabel II, velada

In einem Raum des Madrider Museo del Prado entdeckte ich diese Marmorbüste. Nun sind Marmorbüsten keine Seltenheit im Prado, und in der Regel ziehen sie meine Aufmerksamkeit nicht auf sich. Doch bei dieser Figur war es vom ersten Augenblick an anders.

Die Besonderheit liegt natürlich in dem Schleier, der den Kopf umgibt. Beim kleinsten Lufthauch wird er sich bewegen, gleichzeitig schützt er die Dame vor zudringlichen Blicken. All dies ist natürlich Illusion, denn Marmor weht nicht so leicht im Wind. Und er ist auch nicht semitransparent. Oder vielleicht doch?

Es ist faszinierend zu sehen, wie aus einem soliden Klotz diese filigranen Formen herausgearbeitet wurden. Später habe ich nachgelesen, dass der Künstler einfach mal eine andere Form von Büste schaffen wollte, um die betreffende Königin zu beeindrucken. Welche Vorstellungskraft gehört dazu, Marmor so zu bearbeiten, dass er diesen Eindruck erweckt? Es ist ein steter Wechsel von massivem Material für die Falten und rauer Oberfläche für die transparenten Bereiche, der die perfekte Illusion vollbringt. Immer und immer wieder bin ich um die Büste herumgegangen, um die Details zu studieren. So habe ich in meinem ganzen Leben noch keine Marmorbüste angeschaut.

Der echte Kunstliebhaber wird spätestens jetzt herumnörgeln, dass das ja nur eine Auftragsarbeit gewesen sei und dass das, was mich fasziniert, ja nur handwerkliches Geschick gewesen sei. Zum Glück habe ich kaum jemanden dieser Art in der näheren Bekanntschaft.

Die Figur beeindruckte mich so, wie sie da steht. Ich unterscheide nicht zwischen Idee und Ausführung, sondern richte mich nach dem Ergebnis. So gehe ich ja auch vor, wenn ich den Eindruck beurteilen soll, den Fett auf einem Stuhl oder Müll in einer Badewanne auf mich hat.

Es geht eine unglaubliche Faszination von dieser Büste aus, die sich aus vielem zusammensetzt. Ein falscher Schlag mit dem Werkzeug, und das Werk ist verdorben. Die unglaubliche Herausforderung, ein Gesicht in Marmor mit großer Ähnlichkeit zum Vorbild auszuführen. Und das unter einem Schleier, der nicht nachträglich übergeworfen wird, sondern fest verankerter Bestandteil des Ganzen ist.

Aber vielleicht ist auch das nur eine Illusion. Vielleicht hat Torregiani zuerst das Gesicht geschaffen, und dann den Schleier übergeworfen. Seht hin, er bewegt sich ja fast noch…

https://www.museodelprado.es/colecc...i-velada/d51dff32-4043-4630-9539-d2d8e528222e
Moin Dieter,
ich kann Dir nur zustimmen - diese Büste ist etwas ganz Besonderes - besonders Bezauberndes. Ich glaube auch nicht, dass jemand ernsthaft daran nörgeln würde, es handele sich um eine Auftragsarbeit. Viele der Kunstwerke der letzten 1 000 Jahre (und wahrscheinlich auch noch davor) waren Auftragsarbeiten, das gibt es ja auch heute noch vielfach. Bloß weil ein(e) Künstler(in) etwas im Auftrag erschafft, wird es dadurch nicht weniger künstlerisch.
Schön, dass Du sie hier vorgestellt hast :t

Zu Deinen beiden anderen Rezensionen sag ich mal nix … ;-)
 
Moin Dieter,
ich kann Dir nur zustimmen - diese Büste ist etwas ganz Besonderes - besonders Bezauberndes. Ich glaube auch nicht, dass jemand ernsthaft daran nörgeln würde, es handele sich um eine Auftragsarbeit. Viele der Kunstwerke der letzten 1 000 Jahre (und wahrscheinlich auch noch davor) waren Auftragsarbeiten, das gibt es ja auch heute noch vielfach. Bloß weil ein(e) Künstler(in) etwas im Auftrag erschafft, wird es dadurch nicht weniger künstlerisch.
Schön, dass Du sie hier vorgestellt hast :t
In der Vergrößerung (s. Link) sieht man das noch besser. Eine perfekte Illusion.

Mittlerweile habe ich die Gewohnheit entwickelt, ohne jeden Führer oder Plan durch große Museen zu laufen. Ich bleibe dann da stehen, wo mich etwas anspricht. Wir waren zu viert im Prado unterwegs, jeder für sich. Wir sind alle bei dieser Büste stehengeblieben.
Andererseits gibt es da Gemälde von Goya im Dutzend, bei denen auch der Name des Künstlers nicht hilft...
 
Großartiger Beitrag! :12thumbsu :12thumbsu :12thumbsu

Ich besuche auch gerne Museen und Galerien, insbesondere im Urlaub. Kunstwerke zu interpretieren überlasse ich den Profis, wobei vieles sicher nicht zwangsläufig interpertiert werden muss. Oft kann auch ein sehr einfach wirkendes Werk "mit ein paar Strichen" - ohne dass man sich dabei Gedanken darüber machen muss, was uns der Künstler sagen will - eine faszinierende Wirkung haben. Das hängt aber meist damit zusammen, wie das Werk ausgestellt ist und wie es im Raum präsentiert wird. Allein die Atmosphäre in Museen ist schon einen Besuch wert, gerade weil die Architektur oft schon beeindruckend ist. :12thumbsu

Beim Guston erkenne ich allerdings ganz klar eine Vision:

Philip Guston: Ground

Im Museo Nacional Reina Sofia ereilte mich dann gleich noch ein „Och“-Moment. Wer könnte es mir angesichts dieses Werkes auch verdenken?

guston.jpg

(...)

Die drei Versuche einer Interpretation zeigen schon die Vielseitigkeit des Kunstwerks auf. Ein Werk, das an Genialität nicht zu überbieten ist. Niemand darf bezweifeln, dass dies ernstzunehmende Kunst ist. Allein schon die Kunst, ein Blatt Papier mit nichts als zwei Linien in ein spanisches Museum zu bringen, ist unser aller Anerkennung wert. Und außerdem hat uns das Kunstwerk zum Nachdenken über die ernsten Dinge des Lebens gebracht, was ganz sicher der Intention des Künstlers entsprach.

gustonvalencia.jpg

Ganz klar!

:p :P :D
 
Angesichts des Umstandes, dass viele nicht Künstler ihre Werke viel weniger tief bis gar nicht hinterfragen, erstaunlich wenig reflektiert sind, hat man natürlich alle Möglichkeiten, zu Interpretieren, so lange man nicht den Fehler macht und fragt, was hat sich der Künstler dabei gedacht.
Die Darstellung des Ts als Interpretation des goldenen Schnitts überzeugt und könnte vielleicht bei der noch nicht entschiedenen Diskussion, welcher Z4 der gelungenste ist. helfen.
 
Athena Myron 1.jpg

Für mich ist die Athena von Myron, hier eine Miniatur, die Skulptur, die mich am meisten berührt, gut zu bestaunen im Liebighaus in Frankfurt am Main.
 
Großartiger Beitrag! :12thumbsu :12thumbsu :12thumbsu

Ich besuche auch gerne Museen und Galerien, insbesondere im Urlaub. Kunstwerke zu interpretieren überlasse ich den Profis, wobei vieles sicher nicht zwangsläufig interpertiert werden muss. Oft kann auch ein sehr einfach wirkendes Werk "mit ein paar Strichen" - ohne dass man sich dabei Gedanken darüber machen muss, was uns der Künstler sagen will - eine faszinierende Wirkung haben. Das hängt aber meist damit zusammen, wie das Werk ausgestellt ist und wie es im Raum präsentiert wird. Allein die Atmosphäre in Museen ist schon einen Besuch wert, gerade weil die Architektur oft schon beeindruckend ist. :12thumbsu

Beim Guston erkenne ich allerdings ganz klar eine Vision:



Anhang anzeigen 288164

Ganz klar!

:p :P :D
also dass ich das übersehen konnte... :) :-)
 
Angesichts des Umstandes, dass viele nicht Künstler ihre Werke viel weniger tief bis gar nicht hinterfragen, erstaunlich wenig reflektiert sind, hat man natürlich alle Möglichkeiten, zu Interpretieren, so lange man nicht den Fehler macht und fragt, was hat sich der Künstler dabei gedacht.
Die Darstellung des Ts als Interpretation des goldenen Schnitts überzeugt und könnte vielleicht bei der noch nicht entschiedenen Diskussion, welcher Z4 der gelungenste ist. helfen.
Naja, die Diskussion muss ja nun nicht mehr geführt werden, nachdem Surprize bewiesen hat, dass der E89 kein Z4, sondern allenfalls ein T4 ist :X :y
*duck und wech*
 
Respekt vor den langen texten und danke für das süffisante tw. Habe mich weggeworfen
 
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