V. Nibali war offenbar am besten vorbereitet und ist darüber hinaus auch taktisch clever radgefahren. Ich habe mir viele Etappen ansehen und vor allem die Bergankünfte verfolgen können. Zudem profitierte der Italiener vom Ausfall zweier Hauptkonkurrenten.
Glückwunsch zum Toursieg.
Ein lakonischer Bjarne Riis (früher Team Telekom, jetzt sportl. Leiter Team Saxobank) , zu aktiven Zeiten wegen seiner damaligen Hämatokritwerte als "Mr.60 %" bezeichnet , antwortete bei Bekanntwerden seiner Dopingvergangenheit:
" Die gelbe Trikot, ja klar, die könnt ihr habe`, die liegt in eine Karton in meine Garage."
Ich frage mich natürlich auch, wie man mehrere Etappen hintereinander solch eine Leistung erbringen kann, ohne am Folgetag "am Berg zu explodieren". Was ich nur sehr schade finde, ist, daß im Allgemeinen oder gerade im Speziellen
mit dem Finger immer auf den Radsport gezeigt wird.
Woran liegt das? Stellt der Radsport hier ein gesonderte Position dar? Warum sind Fussball, Golf, Leichtathletik, Schwimmen, Tennis, Formel 1 etc. nicht so im medialen Fokus bezüglich Doping? Spielt Geld im Profisport etwa die eine Rolle?
Das Salär eines stinknormalen Berufsradfahrers ist nicht wirklich üppig, wenn man nicht Indurain, Ulrich, Armstrong oder Contador heißt. Reizt es hier also umso mehr, zu nicht erlaubten Substanzen zu greifen, um letztlich besser zu verdienen?
Bis zu 3 Wochen am Stück jeden Tag bei Wind und Wetter Höchstleistung zu erbringen funktioniert nur mit einem wirklich starken Team, dies nur am Rande. Eigentlich müsste ein Einzelner unter normalen physiologischen Umständen
nicht in der Lage sein, diese Leistung zu erbringen. Er trainiert aber ein ganzes Jahr mit großem Aufwand dafür. Ist da die Angst zu versagen etwa ein Dopinganreiz ?
Oder ist die Spitze im Profisport so dünn, daß es eben auf das bischen Chemie im Körper ankommt? Denn der Zweite gilt ja schon perverserweise als erster Verlierer.
Tatsächlich haben Radprofis zu oft nachgeholfen. Die Eintageklassiker früher wurden auch gerne die "grossen Preise der Dampfkessel" genannt. Ein Cocktail aus Amphetamin, Kokain,Pervitin, Koffein etc. war üblich.
Als EPO aufkam sind die Radprofis anfangs aus Angst vor einem Schlaganfall oder Herzinfarkt nachts alle zwei Stunden aufgestanden und haben Wasser getrunken, um das Blut flüssig und den Hämatokrit (Anteil der festen Bestandteile im Blut, s. a. Riis) niedrig zu halten. Das Problem ließ sich wiederum ebenfalls rasch medikamentös lösen. Auffällig viele Radprofis litten zeitweise an "Asthma" und durften offiziell mit Salbutamol
dopen inhalieren. Momentan ist Gendoping in. Ist vielleicht sogar schon wieder out und wir wissen es nur nicht.
Wo fängt Doping an?
Wenn ich nach einer Etappe Schmerzen in den Gliedern habe und ich nehme am Folgetag erstmal ein, zwei Ibuprofen ein, um schmerzgelindert Leistung zu erbringen, bewirke ich dann nicht auch eine Leistungssteigerung und bin eigentlich gedopt?
Wie viele Leute pfeiffen sich morgens Medikamente/Drogen rein, um ihre Leistung zu erbringen und sind somit eigentlich gedopt? Zeigen wir mit dem Finger auf sie in aller Öffentlichkeit?
Der
gesamte Profisport ist, sagen wir mal "medizinisch optimiert". Andere sagen verseucht. Eine wirklich gute Diplomarbeit an der SpoHo Köln schloss damals sinngemäß mit folgenden Worten ab: Mann könnte es ( das Doping) freigeben und anstatt dessen einfach BMU, Beste Medizinische Unterstützung nennen.
Dann wäre die Nachweisbarkeit auch leichter und wir hätten volle Kontrolle

.
Der Kampf gegen Doping wird so jedenfalls nicht zu gewinnen sein. Im Prinzip müsste sich das Dopinglabor vorab überlegen, welche Methode in zwei bis drei Jahren en vogue ist und wie diese labortechnisch, juristisch einwandfrei, nachgewiesen werden kann. Ich müsste also ein Doping-
und ein Nachweisverfahren entwickeln um das Problem zu lösen.
In der Praxis habe ich bereits des öfteren Jugendliche, die auffallend oft mit gefährlichem Internethalbwissen überraschen, aufgrund der unsachgemäßen Anwendung von Medikamenten behandeln müssen. Irgendwoher von einem Untergrundlabor geordert, wird das unter abenteuerlichen hygienischen Standards gewonnene, meist minderwertige oder sogar viel zu hochdosierte Medikament unter ebenso abenteuerlichen hygienischen Bedingungen appliziert, besser noch versehentlich ins Gelenk injiziert, und die Jungens wundern sich dann, daß ihnen der Oberschenkel oder Oberarm vor Eiter fast platzt.
Allerdings bin ich auch schon "Profis" begegnet, die einfach nur Pech hatten, jedoch so fundiertes biochemisches Fachwissen an den Tag gelegt haben, daß ich nach der Anamneseerhebung erst mal lesen gegangen bin.
Doping im Breitensport ist tatsächlich allgegenwertig und in seiner Ausprägung mitunter beängstigend. Das ist die eigentliche Gefahr und sicher nicht die Schuld von Vincenzo Nibali. Der weiß, was er tut und er steht auch für eventuelle juristische, finanzielle und persönlichen Folgen gerade. Wenn Ottonormalverbraucher das auch unbedingt machen möchte, bitteschön.
Es muss deutlich mehr Aufklärung und vor allem Prävention betrieben werden. Irgendwie erinnert mich das sehr an den vergeblichen War on Drugs, der mit Verboten und Strafen genauso wenig zu gewinnen war bzw. noch immer ist. Erst wenn man bestimmte, gegebene Umstände akzeptiert, entkriminalisiert und nicht zuletzt auch legalisiert kann man verstehen, kontrollieren...und schützen!