Was mir bleibt von 2020...

dwz8

Café Racer
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2 August 2004
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BMW Z8
Ein paar Gedanken, die ich aus 2020 mitnehmen möchte. Leider etwas lang geworden, aber Ihr müsst es ja nicht lesen.

Internet – Segen und Fluch​

Niemals zuvor habe ich das Internet derart kritisch betrachtet wie in diesem Jahr. Die Unschuld der frühen Jahre ist weggeblasen, neben den vielen Vorteilen zeigten sich viele negative Entwicklungen, die sich auf unser gesamtes Leben auswirken.

Wer in der Lage ist, einen Begriff zu googlen, wird dadurch nicht zum Experten für irgendwas außer vielleicht Google. Musste man früher Wissen mit Gehirnschmalz erarbeiten, zeigt man heute lässig sein Smartphone mit dem Ergebnis vor, wenn jemand nach Fourier-Transformationen oder den typischen Baumsorten im Amazonas-Quellgebiet fragt. Daran ist eigentlich nichts auszusetzen, solange das Ergebnis auch korrekt ist. Entgegen der üblichen Praxis, die Inhalte von Fachbüchern zu prüfen, gibt es aber im Internet keine Prüfung. Jeder kann beliebige Webseiten einrichten und sich dort austoben. Den Nachweis einer Qualifikation gibt es nicht. Auch das ist noch nicht schlimm, solange man die Aussagen prüft und der Autor guten Willens ist. Katastrophal wird es dann, wenn dubiose Quellen gezielt Gerüchte oder Falschaussagen in Umlauf bringen. Auf diese Weise wurde nachweislich die US-Wahl 2016 beeinflusst. Mittlerweile gibt es bei fast jeder Wahl Manipulationsversuche.

Gleiches gilt für die Aussagen von „Experten“. Der Begriff ist nicht geschützt, also nennen sich viele Menschen „Experten“. Ich zum Beispiel bin kein Experte für Virologie, und alle Videos auf youtube werden keinen aus mir machen, da mir die Grundlagen und das Verständnis fehlen. Es macht Sinn, einen geprüft guten Weg zu gehen und den Leuten zu vertrauen, die sich tatsächlich mit der Materie auskennen. Auch hier hielt das Internet in diesem Jahr eine bisher unbekannte Komplikation bereit: der übliche Disput zwischen den echten Experten, die sich auch wirklich mit der Forschung befassen, fand in der Öffentlichkeit statt. Abweichende Meinungen sind normal, werden aber zu Unrecht als einzig wahre Meinung genutzt, um die eigene Meinung zu untermauern. Unstrittig ist eine wissenschaftliche Meinung aber erst dann, wenn kein anderer Wissenschaftler mehr etwas daran herumzumäkeln hat. Bei dem aktuellen Virus dürfte das noch eine Weile dauern.

Wichtiger denn je ist es, die täglichen Aussagen des Internets – gerade in sozialen Netzwerken – zu hinterfragen. Auch früher hat schon mal ein „Experte“ am Stammtisch mit der Faust auf den Tisch geschlagen und bei ein paar Gläsern Bier verkündet, wie er ganz einfach bessere Politik machen würde. Das war aber am nächsten Morgen vergessen. Das Internet vergisst nichts, und viele Infos bleiben online, auch wenn sie längst überholt sind oder von vornherein falsch waren.

Wer ein Smartphone und Zugang zum Internet hat, hat Zugang zu unendlich viel Wissen. Es darf nur verantwortungsvoll eingesetzt werden.

Das Jahr des Egoismus​

Das (Un-)Wort des Jahres 2020 ist für mich das Wort „Ich“. Nie zuvor hatte ich den Eindruck, dieses Wort so häufig zu hören.

„Ich will meine Freiheit haben.“ „Ich lasse mir nichts vorschreiben.“ „Ich weiß selbst, was am besten für mich ist.“ „Ich kann das alles beurteilen, denn ich habe irgendwas dazu gelesen.“

In dieser oder ähnlicher Form habe ich das ganze Jahr über Äußerungen gehört, oft genug gepaart mit einem guten Schuss Empörung. Ein ständiger Aufschrei, egal was gerade passiert ist.

Das Wichtigste ist, dass „ich“ Regeln umgehen kann. Werden Veranstaltungen abgesagt, dann treffen sich eben zufällig kleine Gruppen am gleichen Ort. Gilt irgendwo Maskenpflicht, dann muss „ich“ das ja nicht einhalten, weil gerade keiner da ist, der mich kontrolliert. Wenn „ich“ für mich entscheide, dass eine Maske „mir“ nicht hilft, dann lasse „ich“ sie weg, auch wenn ich damit das Ansteckungsrisiko für Andere erhöhe. Ohne „meinen“ Urlaub im Ausland geht es gar nicht.

Die besonderen Herausforderungen dieses Jahres 2020 haben bei vielen Menschen das egoistische Denken in einer Weise offenbart, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Tatsächlich betrachte ich mich selbst auch als Egoisten, aber bei diesen Auswüchsen bleibt mir die Spucke weg.

Dazu zählt auch die aktuelle Diskussionskultur. Ist man nicht „meiner“ Meinung, dann wird man eben „gecancelt“, abgeschaltet, von der Freundesliste gestrichen. Diskussion – gerade auch im wissenschaftlichen Umfeld – lebt aber davon, dass jemand eine These oder Meinung in den Raum stellt, ein anderer eine andere Meinung bzw. Antithese dagegenstellt, damit dann in konstruktiver Diskussion ein für beide Seiten akzeptables Ergebnis gefunden werden kann (Synthese).

Diskussionen muss man zulassen und auch aushalten. Wer nicht „für Greta“ ist, der ist noch lange kein Klimaleugner. Wer alles abschaffen will, muss sich die Frage gefallen lassen, wie es danach weitergehen soll. Es gibt keine einfachen Schwarz-Weiß-Lösungen.

Kritik ist einfach, etwas besser oder auch nur gleich gut in anderer Form zu machen, weitaus schwerer.

Um es klar zu sagen: es juckt mich nicht, wenn jemand eine andere Meinung hat. Wenn jemand an UFOs glaubt oder an irgendeine religiöse Splittergruppe, dann ist das eben so. Schwierig wird es aber dann, wenn diese Meinung zur Handlungsgrundlage wird. Da steht für mich der Artikel 2 des Grundgesetzes ganz oben: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

Wer für seine persönliche Freiheit so viel Raum benötigt, dass er ihn anderen wegnimmt, übertritt diese Grenze.

So manch einer übersieht vor lauter Schreien nach Freiheit völlig, wie frei er hier in Deutschland lebt. Auch hier war 2020 ein gutes Beispiel: während wir uns hier problemlos bewegen konnten, waren die Menschen in anderen Ländern auf ihre vier Wände beschränkt. Von den disziplinarischen Maßnahmen in Asien erst gar nicht zu reden.

Jeder hat in diesem Jahr Einschränkungen hinnehmen müssen. Interessant ist für mich, dass diejenigen, die tatsächlich hart getroffen wurden, kaum herumnörgeln: Pflegekräfte im übermächtigen Einsatz, Polizisten, die sich mit ausgerasteten Verschwörungstheoretikern und Profiprovokateuren herumärgern mussten, Personal in Supermärkten, das sich an der Kasse oder beim Einräumen von Toilettenpapier beleidigen lassen musste, und viele andere mehr. Sie alle haben ihre Kraft auf ihre Arbeit konzentriert.

Ähnlich sieht es bei den Unternehmern aus. Gastwirte, Hoteliers, Veranstalter, Künstler, ganze Branchen wurden mehrfach lahmgelegt. Was haben sie gemacht? Gastwirte haben sich immer und immer wieder auf ständig wechselnde Regeln eingestellt, Plexiglaswände eingebaut, Papierkram erledigt, Außer-Haus-Services eingerichtet, nur um zusehen zu müssen, wie sich die Gäste vor dem Restaurant ohne Maske zum Rauchen zusammenstellten. Nörgeln Sie herum? Nein, dafür bleibt keine Zeit, es findet lediglich eine sachliche Auseinandersetzung zu den einzelnen Maßnahmen statt. Jeder arbeitet daran, in diesen Zeiten zu überleben, kreative Ideen für den Umsatz zu entwickeln, wo immer es geht. Diese Leistung kann nur jemand schätzen, der den Druck mal mitgemacht hat. Ihre Arbeitnehmer werden es ihnen danken.

Wer nach seiner persönlichen, ach so eingeschränkten Freiheit schreit, sollte an die denken, die wirklich eingeschränkt sind und um ihre Existenz kämpfen. Und er sollte sich so verhalten, dass diese Anstrengungen nicht unnötig erschwert werden.

Konstruktives Denken ist gefragt!​

Wenn im Motorsport ein Fahrer das Rennauto in die Planke gesetzt hat, wird es nicht dadurch wieder heile, dass sich das Team darüber streitet, wer die Schuld daran hatte. Wenn im Fußball der Ball neben das Tor geschossen wird, dann gewinnt die Mannschaft nicht, indem sie darüber diskutiert, ob der Spieler noch einmal hätte abgeben sollen. Ein Auto muss repariert werden, ein Tor muss geschossen werden. So ist es überall im Leben: wer sich nicht um Lösungen kümmert, bleibt stehen.

Mitdenken, gesunder Menschenverstand, das Befolgen ungeschriebener Regeln sind die Grundlage. Wer beim Lesen einer Corona-Regelung zuerst danach sucht, wie er sie umgehen kann, hat den Sinn nicht verstanden.

Nur konstruktive Gedanken bringen Menschen vorwärts. Wenn Menschen zusammenhalten und ein gemeinsames Ziel verfolgen, dann kann etwas bewegt werden. Deshalb waren lange Zeit die Corona-Zahlen in Deutschland so viel besser als anderswo. Arbeiten die Menschen gegeneinander, erreicht kaum einer ein gutes Ziel. Und ein Zusammenkommen von vielen Menschen, die alle „ich, ich, ich“ schreien, ist noch keine konstruktive Bewegung, sondern das Gegenteil.

Die Politik unterstützt uns nur bis zu einem gewissen Grad. Zu lange haben wir zugesehen, dass Karrierepolitiker an die Spitze unseres Landes aufgestiegen sind, entsprechend fehlen die Qualifikationen (in allen Parteien). Trotzdem können wir froh sein, dass in Deutschland besonnen und schnell reagiert wurde, die Zahlen belegen das. Dabei sind jede Menge Fehler gemacht worden, und beim regelmäßigen Ministerpräsidenten-Ballett zu den Beschlüssen über Corona-Maßnahmen wird mir übel. Wenn also Kritik an „denen da oben“, dann sollte sie eher an die MPs gehen, und nicht an Merkel.

Die Frage bleibt, woher die konstruktiven Gedanken kommen werden, die uns voranbringen werden, in der Politik, in der Wirtschaft, aber vor allem auch in unserer Gesellschaft, die derzeit großen Spaltungskräften ausgesetzt ist. Die Handwerker, mittelständischen Unternehmer und auch Großunternehmen werden alles daran setzen, dass es gut weitergeht.

Für das Klima in unserer Gesellschaft sind wir aber schon selbst zuständig.

---

Wie anfänglich gesagt, es sind Gedanken, die mir durch den Kopf gehen über dieses Jahr der endlosen Diskussionen, Empörungen, Regeln und Machtlosigkeit. Andere Menschen mögen andere Gedanken haben.

Wir haben nur dieses eine Deutschland, und es ist ein gutes Land. Mit Nörgeln kommen wir nicht weiter, sondern nur, indem wir zusammenstehen und dafür sorgen, dass die aktuelle Herausforderung schnell vorübergeht.

Ich wünsche allen ein gesundes Jahr 2021.

Dieter
 
Ein paar Gedanken, die ich aus 2020 mitnehmen möchte. Leider etwas lang geworden, aber Ihr müsst es ja nicht lesen.

Internet – Segen und Fluch​

Niemals zuvor habe ich das Internet derart kritisch betrachtet wie in diesem Jahr. Die Unschuld der frühen Jahre ist weggeblasen, neben den vielen Vorteilen zeigten sich viele negative Entwicklungen, die sich auf unser gesamtes Leben auswirken.

Wer in der Lage ist, einen Begriff zu googlen, wird dadurch nicht zum Experten für irgendwas außer vielleicht Google. Musste man früher Wissen mit Gehirnschmalz erarbeiten, zeigt man heute lässig sein Smartphone mit dem Ergebnis vor, wenn jemand nach Fourier-Transformationen oder den typischen Baumsorten im Amazonas-Quellgebiet fragt. Daran ist eigentlich nichts auszusetzen, solange das Ergebnis auch korrekt ist. Entgegen der üblichen Praxis, die Inhalte von Fachbüchern zu prüfen, gibt es aber im Internet keine Prüfung. Jeder kann beliebige Webseiten einrichten und sich dort austoben. Den Nachweis einer Qualifikation gibt es nicht. Auch das ist noch nicht schlimm, solange man die Aussagen prüft und der Autor guten Willens ist. Katastrophal wird es dann, wenn dubiose Quellen gezielt Gerüchte oder Falschaussagen in Umlauf bringen. Auf diese Weise wurde nachweislich die US-Wahl 2016 beeinflusst. Mittlerweile gibt es bei fast jeder Wahl Manipulationsversuche.

Gleiches gilt für die Aussagen von „Experten“. Der Begriff ist nicht geschützt, also nennen sich viele Menschen „Experten“. Ich zum Beispiel bin kein Experte für Virologie, und alle Videos auf youtube werden keinen aus mir machen, da mir die Grundlagen und das Verständnis fehlen. Es macht Sinn, einen geprüft guten Weg zu gehen und den Leuten zu vertrauen, die sich tatsächlich mit der Materie auskennen. Auch hier hielt das Internet in diesem Jahr eine bisher unbekannte Komplikation bereit: der übliche Disput zwischen den echten Experten, die sich auch wirklich mit der Forschung befassen, fand in der Öffentlichkeit statt. Abweichende Meinungen sind normal, werden aber zu Unrecht als einzig wahre Meinung genutzt, um die eigene Meinung zu untermauern. Unstrittig ist eine wissenschaftliche Meinung aber erst dann, wenn kein anderer Wissenschaftler mehr etwas daran herumzumäkeln hat. Bei dem aktuellen Virus dürfte das noch eine Weile dauern.

Wichtiger denn je ist es, die täglichen Aussagen des Internets – gerade in sozialen Netzwerken – zu hinterfragen. Auch früher hat schon mal ein „Experte“ am Stammtisch mit der Faust auf den Tisch geschlagen und bei ein paar Gläsern Bier verkündet, wie er ganz einfach bessere Politik machen würde. Das war aber am nächsten Morgen vergessen. Das Internet vergisst nichts, und viele Infos bleiben online, auch wenn sie längst überholt sind oder von vornherein falsch waren.

Wer ein Smartphone und Zugang zum Internet hat, hat Zugang zu unendlich viel Wissen. Es darf nur verantwortungsvoll eingesetzt werden.

Das Jahr des Egoismus​

Das (Un-)Wort des Jahres 2020 ist für mich das Wort „Ich“. Nie zuvor hatte ich den Eindruck, dieses Wort so häufig zu hören.

„Ich will meine Freiheit haben.“ „Ich lasse mir nichts vorschreiben.“ „Ich weiß selbst, was am besten für mich ist.“ „Ich kann das alles beurteilen, denn ich habe irgendwas dazu gelesen.“

In dieser oder ähnlicher Form habe ich das ganze Jahr über Äußerungen gehört, oft genug gepaart mit einem guten Schuss Empörung. Ein ständiger Aufschrei, egal was gerade passiert ist.

Das Wichtigste ist, dass „ich“ Regeln umgehen kann. Werden Veranstaltungen abgesagt, dann treffen sich eben zufällig kleine Gruppen am gleichen Ort. Gilt irgendwo Maskenpflicht, dann muss „ich“ das ja nicht einhalten, weil gerade keiner da ist, der mich kontrolliert. Wenn „ich“ für mich entscheide, dass eine Maske „mir“ nicht hilft, dann lasse „ich“ sie weg, auch wenn ich damit das Ansteckungsrisiko für Andere erhöhe. Ohne „meinen“ Urlaub im Ausland geht es gar nicht.

Die besonderen Herausforderungen dieses Jahres 2020 haben bei vielen Menschen das egoistische Denken in einer Weise offenbart, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Tatsächlich betrachte ich mich selbst auch als Egoisten, aber bei diesen Auswüchsen bleibt mir die Spucke weg.

Dazu zählt auch die aktuelle Diskussionskultur. Ist man nicht „meiner“ Meinung, dann wird man eben „gecancelt“, abgeschaltet, von der Freundesliste gestrichen. Diskussion – gerade auch im wissenschaftlichen Umfeld – lebt aber davon, dass jemand eine These oder Meinung in den Raum stellt, ein anderer eine andere Meinung bzw. Antithese dagegenstellt, damit dann in konstruktiver Diskussion ein für beide Seiten akzeptables Ergebnis gefunden werden kann (Synthese).

Diskussionen muss man zulassen und auch aushalten. Wer nicht „für Greta“ ist, der ist noch lange kein Klimaleugner. Wer alles abschaffen will, muss sich die Frage gefallen lassen, wie es danach weitergehen soll. Es gibt keine einfachen Schwarz-Weiß-Lösungen.

Kritik ist einfach, etwas besser oder auch nur gleich gut in anderer Form zu machen, weitaus schwerer.

Um es klar zu sagen: es juckt mich nicht, wenn jemand eine andere Meinung hat. Wenn jemand an UFOs glaubt oder an irgendeine religiöse Splittergruppe, dann ist das eben so. Schwierig wird es aber dann, wenn diese Meinung zur Handlungsgrundlage wird. Da steht für mich der Artikel 2 des Grundgesetzes ganz oben: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

Wer für seine persönliche Freiheit so viel Raum benötigt, dass er ihn anderen wegnimmt, übertritt diese Grenze.

So manch einer übersieht vor lauter Schreien nach Freiheit völlig, wie frei er hier in Deutschland lebt. Auch hier war 2020 ein gutes Beispiel: während wir uns hier problemlos bewegen konnten, waren die Menschen in anderen Ländern auf ihre vier Wände beschränkt. Von den disziplinarischen Maßnahmen in Asien erst gar nicht zu reden.

Jeder hat in diesem Jahr Einschränkungen hinnehmen müssen. Interessant ist für mich, dass diejenigen, die tatsächlich hart getroffen wurden, kaum herumnörgeln: Pflegekräfte im übermächtigen Einsatz, Polizisten, die sich mit ausgerasteten Verschwörungstheoretikern und Profiprovokateuren herumärgern mussten, Personal in Supermärkten, das sich an der Kasse oder beim Einräumen von Toilettenpapier beleidigen lassen musste, und viele andere mehr. Sie alle haben ihre Kraft auf ihre Arbeit konzentriert.

Ähnlich sieht es bei den Unternehmern aus. Gastwirte, Hoteliers, Veranstalter, Künstler, ganze Branchen wurden mehrfach lahmgelegt. Was haben sie gemacht? Gastwirte haben sich immer und immer wieder auf ständig wechselnde Regeln eingestellt, Plexiglaswände eingebaut, Papierkram erledigt, Außer-Haus-Services eingerichtet, nur um zusehen zu müssen, wie sich die Gäste vor dem Restaurant ohne Maske zum Rauchen zusammenstellten. Nörgeln Sie herum? Nein, dafür bleibt keine Zeit, es findet lediglich eine sachliche Auseinandersetzung zu den einzelnen Maßnahmen statt. Jeder arbeitet daran, in diesen Zeiten zu überleben, kreative Ideen für den Umsatz zu entwickeln, wo immer es geht. Diese Leistung kann nur jemand schätzen, der den Druck mal mitgemacht hat. Ihre Arbeitnehmer werden es ihnen danken.

Wer nach seiner persönlichen, ach so eingeschränkten Freiheit schreit, sollte an die denken, die wirklich eingeschränkt sind und um ihre Existenz kämpfen. Und er sollte sich so verhalten, dass diese Anstrengungen nicht unnötig erschwert werden.

Konstruktives Denken ist gefragt!​

Wenn im Motorsport ein Fahrer das Rennauto in die Planke gesetzt hat, wird es nicht dadurch wieder heile, dass sich das Team darüber streitet, wer die Schuld daran hatte. Wenn im Fußball der Ball neben das Tor geschossen wird, dann gewinnt die Mannschaft nicht, indem sie darüber diskutiert, ob der Spieler noch einmal hätte abgeben sollen. Ein Auto muss repariert werden, ein Tor muss geschossen werden. So ist es überall im Leben: wer sich nicht um Lösungen kümmert, bleibt stehen.

Mitdenken, gesunder Menschenverstand, das Befolgen ungeschriebener Regeln sind die Grundlage. Wer beim Lesen einer Corona-Regelung zuerst danach sucht, wie er sie umgehen kann, hat den Sinn nicht verstanden.

Nur konstruktive Gedanken bringen Menschen vorwärts. Wenn Menschen zusammenhalten und ein gemeinsames Ziel verfolgen, dann kann etwas bewegt werden. Deshalb waren lange Zeit die Corona-Zahlen in Deutschland so viel besser als anderswo. Arbeiten die Menschen gegeneinander, erreicht kaum einer ein gutes Ziel. Und ein Zusammenkommen von vielen Menschen, die alle „ich, ich, ich“ schreien, ist noch keine konstruktive Bewegung, sondern das Gegenteil.

Die Politik unterstützt uns nur bis zu einem gewissen Grad. Zu lange haben wir zugesehen, dass Karrierepolitiker an die Spitze unseres Landes aufgestiegen sind, entsprechend fehlen die Qualifikationen (in allen Parteien). Trotzdem können wir froh sein, dass in Deutschland besonnen und schnell reagiert wurde, die Zahlen belegen das. Dabei sind jede Menge Fehler gemacht worden, und beim regelmäßigen Ministerpräsidenten-Ballett zu den Beschlüssen über Corona-Maßnahmen wird mir übel. Wenn also Kritik an „denen da oben“, dann sollte sie eher an die MPs gehen, und nicht an Merkel.

Die Frage bleibt, woher die konstruktiven Gedanken kommen werden, die uns voranbringen werden, in der Politik, in der Wirtschaft, aber vor allem auch in unserer Gesellschaft, die derzeit großen Spaltungskräften ausgesetzt ist. Die Handwerker, mittelständischen Unternehmer und auch Großunternehmen werden alles daran setzen, dass es gut weitergeht.

Für das Klima in unserer Gesellschaft sind wir aber schon selbst zuständig.

---

Wie anfänglich gesagt, es sind Gedanken, die mir durch den Kopf gehen über dieses Jahr der endlosen Diskussionen, Empörungen, Regeln und Machtlosigkeit. Andere Menschen mögen andere Gedanken haben.

Wir haben nur dieses eine Deutschland, und es ist ein gutes Land. Mit Nörgeln kommen wir nicht weiter, sondern nur, indem wir zusammenstehen und dafür sorgen, dass die aktuelle Herausforderung schnell vorübergeht.

Ich wünsche allen ein gesundes Jahr 2021.

Dieter

eine schöne Neujahrsansprache! :t
 
Ein paar Gedanken, die ich aus 2020 mitnehmen möchte. Leider etwas lang geworden, aber Ihr müsst es ja nicht lesen.

Internet – Segen und Fluch​

Niemals zuvor habe ich das Internet derart kritisch betrachtet wie in diesem Jahr. Die Unschuld der frühen Jahre ist weggeblasen, neben den vielen Vorteilen zeigten sich viele negative Entwicklungen, die sich auf unser gesamtes Leben auswirken.

Wer in der Lage ist, einen Begriff zu googlen, wird dadurch nicht zum Experten für irgendwas außer vielleicht Google. Musste man früher Wissen mit Gehirnschmalz erarbeiten, zeigt man heute lässig sein Smartphone mit dem Ergebnis vor, wenn jemand nach Fourier-Transformationen oder den typischen Baumsorten im Amazonas-Quellgebiet fragt. Daran ist eigentlich nichts auszusetzen, solange das Ergebnis auch korrekt ist. Entgegen der üblichen Praxis, die Inhalte von Fachbüchern zu prüfen, gibt es aber im Internet keine Prüfung. Jeder kann beliebige Webseiten einrichten und sich dort austoben. Den Nachweis einer Qualifikation gibt es nicht. Auch das ist noch nicht schlimm, solange man die Aussagen prüft und der Autor guten Willens ist. Katastrophal wird es dann, wenn dubiose Quellen gezielt Gerüchte oder Falschaussagen in Umlauf bringen. Auf diese Weise wurde nachweislich die US-Wahl 2016 beeinflusst. Mittlerweile gibt es bei fast jeder Wahl Manipulationsversuche.

Gleiches gilt für die Aussagen von „Experten“. Der Begriff ist nicht geschützt, also nennen sich viele Menschen „Experten“. Ich zum Beispiel bin kein Experte für Virologie, und alle Videos auf youtube werden keinen aus mir machen, da mir die Grundlagen und das Verständnis fehlen. Es macht Sinn, einen geprüft guten Weg zu gehen und den Leuten zu vertrauen, die sich tatsächlich mit der Materie auskennen. Auch hier hielt das Internet in diesem Jahr eine bisher unbekannte Komplikation bereit: der übliche Disput zwischen den echten Experten, die sich auch wirklich mit der Forschung befassen, fand in der Öffentlichkeit statt. Abweichende Meinungen sind normal, werden aber zu Unrecht als einzig wahre Meinung genutzt, um die eigene Meinung zu untermauern. Unstrittig ist eine wissenschaftliche Meinung aber erst dann, wenn kein anderer Wissenschaftler mehr etwas daran herumzumäkeln hat. Bei dem aktuellen Virus dürfte das noch eine Weile dauern.

Wichtiger denn je ist es, die täglichen Aussagen des Internets – gerade in sozialen Netzwerken – zu hinterfragen. Auch früher hat schon mal ein „Experte“ am Stammtisch mit der Faust auf den Tisch geschlagen und bei ein paar Gläsern Bier verkündet, wie er ganz einfach bessere Politik machen würde. Das war aber am nächsten Morgen vergessen. Das Internet vergisst nichts, und viele Infos bleiben online, auch wenn sie längst überholt sind oder von vornherein falsch waren.

Wer ein Smartphone und Zugang zum Internet hat, hat Zugang zu unendlich viel Wissen. Es darf nur verantwortungsvoll eingesetzt werden.

Das Jahr des Egoismus​

Das (Un-)Wort des Jahres 2020 ist für mich das Wort „Ich“. Nie zuvor hatte ich den Eindruck, dieses Wort so häufig zu hören.

„Ich will meine Freiheit haben.“ „Ich lasse mir nichts vorschreiben.“ „Ich weiß selbst, was am besten für mich ist.“ „Ich kann das alles beurteilen, denn ich habe irgendwas dazu gelesen.“

In dieser oder ähnlicher Form habe ich das ganze Jahr über Äußerungen gehört, oft genug gepaart mit einem guten Schuss Empörung. Ein ständiger Aufschrei, egal was gerade passiert ist.

Das Wichtigste ist, dass „ich“ Regeln umgehen kann. Werden Veranstaltungen abgesagt, dann treffen sich eben zufällig kleine Gruppen am gleichen Ort. Gilt irgendwo Maskenpflicht, dann muss „ich“ das ja nicht einhalten, weil gerade keiner da ist, der mich kontrolliert. Wenn „ich“ für mich entscheide, dass eine Maske „mir“ nicht hilft, dann lasse „ich“ sie weg, auch wenn ich damit das Ansteckungsrisiko für Andere erhöhe. Ohne „meinen“ Urlaub im Ausland geht es gar nicht.

Die besonderen Herausforderungen dieses Jahres 2020 haben bei vielen Menschen das egoistische Denken in einer Weise offenbart, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Tatsächlich betrachte ich mich selbst auch als Egoisten, aber bei diesen Auswüchsen bleibt mir die Spucke weg.

Dazu zählt auch die aktuelle Diskussionskultur. Ist man nicht „meiner“ Meinung, dann wird man eben „gecancelt“, abgeschaltet, von der Freundesliste gestrichen. Diskussion – gerade auch im wissenschaftlichen Umfeld – lebt aber davon, dass jemand eine These oder Meinung in den Raum stellt, ein anderer eine andere Meinung bzw. Antithese dagegenstellt, damit dann in konstruktiver Diskussion ein für beide Seiten akzeptables Ergebnis gefunden werden kann (Synthese).

Diskussionen muss man zulassen und auch aushalten. Wer nicht „für Greta“ ist, der ist noch lange kein Klimaleugner. Wer alles abschaffen will, muss sich die Frage gefallen lassen, wie es danach weitergehen soll. Es gibt keine einfachen Schwarz-Weiß-Lösungen.

Kritik ist einfach, etwas besser oder auch nur gleich gut in anderer Form zu machen, weitaus schwerer.

Um es klar zu sagen: es juckt mich nicht, wenn jemand eine andere Meinung hat. Wenn jemand an UFOs glaubt oder an irgendeine religiöse Splittergruppe, dann ist das eben so. Schwierig wird es aber dann, wenn diese Meinung zur Handlungsgrundlage wird. Da steht für mich der Artikel 2 des Grundgesetzes ganz oben: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

Wer für seine persönliche Freiheit so viel Raum benötigt, dass er ihn anderen wegnimmt, übertritt diese Grenze.

So manch einer übersieht vor lauter Schreien nach Freiheit völlig, wie frei er hier in Deutschland lebt. Auch hier war 2020 ein gutes Beispiel: während wir uns hier problemlos bewegen konnten, waren die Menschen in anderen Ländern auf ihre vier Wände beschränkt. Von den disziplinarischen Maßnahmen in Asien erst gar nicht zu reden.

Jeder hat in diesem Jahr Einschränkungen hinnehmen müssen. Interessant ist für mich, dass diejenigen, die tatsächlich hart getroffen wurden, kaum herumnörgeln: Pflegekräfte im übermächtigen Einsatz, Polizisten, die sich mit ausgerasteten Verschwörungstheoretikern und Profiprovokateuren herumärgern mussten, Personal in Supermärkten, das sich an der Kasse oder beim Einräumen von Toilettenpapier beleidigen lassen musste, und viele andere mehr. Sie alle haben ihre Kraft auf ihre Arbeit konzentriert.

Ähnlich sieht es bei den Unternehmern aus. Gastwirte, Hoteliers, Veranstalter, Künstler, ganze Branchen wurden mehrfach lahmgelegt. Was haben sie gemacht? Gastwirte haben sich immer und immer wieder auf ständig wechselnde Regeln eingestellt, Plexiglaswände eingebaut, Papierkram erledigt, Außer-Haus-Services eingerichtet, nur um zusehen zu müssen, wie sich die Gäste vor dem Restaurant ohne Maske zum Rauchen zusammenstellten. Nörgeln Sie herum? Nein, dafür bleibt keine Zeit, es findet lediglich eine sachliche Auseinandersetzung zu den einzelnen Maßnahmen statt. Jeder arbeitet daran, in diesen Zeiten zu überleben, kreative Ideen für den Umsatz zu entwickeln, wo immer es geht. Diese Leistung kann nur jemand schätzen, der den Druck mal mitgemacht hat. Ihre Arbeitnehmer werden es ihnen danken.

Wer nach seiner persönlichen, ach so eingeschränkten Freiheit schreit, sollte an die denken, die wirklich eingeschränkt sind und um ihre Existenz kämpfen. Und er sollte sich so verhalten, dass diese Anstrengungen nicht unnötig erschwert werden.

Konstruktives Denken ist gefragt!​

Wenn im Motorsport ein Fahrer das Rennauto in die Planke gesetzt hat, wird es nicht dadurch wieder heile, dass sich das Team darüber streitet, wer die Schuld daran hatte. Wenn im Fußball der Ball neben das Tor geschossen wird, dann gewinnt die Mannschaft nicht, indem sie darüber diskutiert, ob der Spieler noch einmal hätte abgeben sollen. Ein Auto muss repariert werden, ein Tor muss geschossen werden. So ist es überall im Leben: wer sich nicht um Lösungen kümmert, bleibt stehen.

Mitdenken, gesunder Menschenverstand, das Befolgen ungeschriebener Regeln sind die Grundlage. Wer beim Lesen einer Corona-Regelung zuerst danach sucht, wie er sie umgehen kann, hat den Sinn nicht verstanden.

Nur konstruktive Gedanken bringen Menschen vorwärts. Wenn Menschen zusammenhalten und ein gemeinsames Ziel verfolgen, dann kann etwas bewegt werden. Deshalb waren lange Zeit die Corona-Zahlen in Deutschland so viel besser als anderswo. Arbeiten die Menschen gegeneinander, erreicht kaum einer ein gutes Ziel. Und ein Zusammenkommen von vielen Menschen, die alle „ich, ich, ich“ schreien, ist noch keine konstruktive Bewegung, sondern das Gegenteil.

Die Politik unterstützt uns nur bis zu einem gewissen Grad. Zu lange haben wir zugesehen, dass Karrierepolitiker an die Spitze unseres Landes aufgestiegen sind, entsprechend fehlen die Qualifikationen (in allen Parteien). Trotzdem können wir froh sein, dass in Deutschland besonnen und schnell reagiert wurde, die Zahlen belegen das. Dabei sind jede Menge Fehler gemacht worden, und beim regelmäßigen Ministerpräsidenten-Ballett zu den Beschlüssen über Corona-Maßnahmen wird mir übel. Wenn also Kritik an „denen da oben“, dann sollte sie eher an die MPs gehen, und nicht an Merkel.

Die Frage bleibt, woher die konstruktiven Gedanken kommen werden, die uns voranbringen werden, in der Politik, in der Wirtschaft, aber vor allem auch in unserer Gesellschaft, die derzeit großen Spaltungskräften ausgesetzt ist. Die Handwerker, mittelständischen Unternehmer und auch Großunternehmen werden alles daran setzen, dass es gut weitergeht.

Für das Klima in unserer Gesellschaft sind wir aber schon selbst zuständig.

---

Wie anfänglich gesagt, es sind Gedanken, die mir durch den Kopf gehen über dieses Jahr der endlosen Diskussionen, Empörungen, Regeln und Machtlosigkeit. Andere Menschen mögen andere Gedanken haben.

Wir haben nur dieses eine Deutschland, und es ist ein gutes Land. Mit Nörgeln kommen wir nicht weiter, sondern nur, indem wir zusammenstehen und dafür sorgen, dass die aktuelle Herausforderung schnell vorübergeht.

Ich wünsche allen ein gesundes Jahr 2021.

Dieter
Dem ist nichts hinzuzufügen.... 👍🏻👍🏻
 
Danke für diesen toll geschriebenen Text mit dermaßen viel Wahrheit drin. Sehr Ähnliche Gedanken gingen mir auch durch den Kopf.
 
Lieber @dwz8, vielen Dank für diese interessanten Überlegungen :thumbsup:

Für mich persönlich (Jahrgang 1985, zur Einordnung) hat sich dieses Jahr vor allem ein Gefühl der Unsicherheit und eine Besinnung auf das Wesentliche breitgemacht.

Meine Generation ist im Allgemeinen eine sehr privilegierte, wir haben - wenigstens in unseren Breitengraden - keine Kriege, keine richtigen Krisen miterlebt. Materiell in der Regel gut versorgt, stand uns die Welt offen, wir sind ohne groß nachzudenken in die USA, nach Neuseeland, in die Südsee und sonstwohin geflogen, niemand und nichts hat uns aufgehalten. Offene Grenzen in Europa, regelmäßiger internationaler Flugverkehr sind/waren für uns Selbstverständlichkeiten, die durch die Corona-Krise nachhaltig erschüttert wurden. Nie hätte ich mir träumen lassen, als Urlauber in fremden Ländern "festzuhängen", nicht mehr nach Frankreich einreisen zu dürfen oder auf den Seiten der Regierung nachschauen zu müssen, wo ich denn nun hinfahren darf und wo nicht.

Die Globalisierung, die wir - wenigstens weitgehend - als positiv empfunden haben, hat eine starke Zäsur erfahren. Der für uns so selbstverständliche Fortschritt hat seine Schattenseiten offenbart, ein Virus kennt - genauso wenig wie wir - keine Grenzen. Anders als meine Eltern, für die die "große weite Welt" stets eine Besonderheit war und blieb, müssen wir uns umstellen, wieder auf das Regionale fokussieren und besinnen. Das muss nicht unbedingt schlecht sein. Aber wenn mich jemand fragen würde, was 2020 für mich bedeutet, dann ist es in gewisser Weise auch Demut, Demut vor der Natur, der Welt.

Ich wünsche uns allein ein frohes und vor allen Dingen hoffnungsvolles neues Jahr 2021 :thumbsup:
 
Lieber Dieter, danke und ein Bravo für deine Worte. Du hättest bei uns in AUT statt unserem HBP die Neujahrsansprache machen sollen, denn die salbungsvollen, ans Christkind erinnernden Worte, kann ich sowieso nicht mehr hören. Bei euch macht das ja die Mutti aller Mütter, wenn ich nicht irre.
Chris, interessante, wahre und ehrliche Worte der etwas jüngeren Generation! Die Aussage betreffend deiner Eltern kann ich aber nicht ganz nachvollziehen. Wenn ich mal davon ausgehe, dass die zwischen 1955 und 1960 geboren sind, dann ist das doch (vor allem bei euch reiselustigen Deutschen) die Generation, die jedes Jahr die ganze Welt bereist! Oder kommen deine Eltern nicht aus dem Garten raus? ;) Ich bin Jahrgang 1965 und fühle mich grad etwas alt und wie ein Stubenhocker wenn ich deinen Text betreffend deiner Eltern lese. Bin aber gar nicht so und bin (gemeinsam mit meiner Frau) nach wie vor sehr reiselustig.
 
Selten habe ich mich in einer solchen Fülle an Gedanken so dermaßen wiedergefunden :thumbsup:. Schade nur, dass das alles diejenigen -auf unterschiedliche Weise- nie erreichen wird, die sich das eine oder andere eigentlich einmal tief zu Herzen nehmen müssten.
 
Schade nur, dass das alles diejenigen -auf unterschiedliche Weise- nie erreichen wird, die sich das eine oder andere eigentlich einmal tief zu Herzen nehmen müssten.
Daran können wir leider kaum etwas ändern.

Uns bleibt aber die Möglichkeit, unser eigenes Handeln weitgehend zu kontrollieren. Dazu gehört, sich selbst bewusst zu machen, wie man mit der Situation umgehen möchte. Ich selbst habe einige Zeit gebraucht, bis ich mir die größeren Zusammenhänge bewusst gemacht hatte. Allein das hat schon geholfen, in vielen Diskussionen anders aufzutreten.
Man beeindruckt einen Gesprächspartner mit einer anderen Meinung oft mehr, indem man ihn respektvoll behandelt und ruhig argumentiert, als wenn man ihn als Schwachkopf aburteilt. Ohne Zweifel gibt es eine Reihe von Menschen, wo man gegen eine Gummiwand läuft. Die sind aber bei weitem nicht in der Mehrzahl. Eigene Aggression löst nur Aggression auf der anderen Seite aus, oder aber: Druck erzeugt Gegendruck. Diverse Diskussionsthreads hier im Forum können da jederzeit als Anschauungsmaterial dienen.

Meiner Meinung nach ist es wesentlich, dass die zu Recht so genannte "schweigende" Mehrheit zur Besinnung kommt und sich nicht so gedankenlos verhält, wie man es oft beobachten kann. Jeder kann durch sein eigenes Verhalten ein Beispiel geben, und das bezieht sich nicht nur auf das Tragen von Masken.
 
Ein paar Gedanken, die ich aus 2020 mitnehmen möchte. Leider etwas lang geworden, aber Ihr müsst es ja nicht lesen.

Internet – Segen und Fluch​

Niemals zuvor habe ich das Internet derart kritisch betrachtet wie in diesem Jahr. Die Unschuld der frühen Jahre ist weggeblasen, neben den vielen Vorteilen zeigten sich viele negative Entwicklungen, die sich auf unser gesamtes Leben auswirken.

Wer in der Lage ist, einen Begriff zu googlen, wird dadurch nicht zum Experten für irgendwas außer vielleicht Google. Musste man früher Wissen mit Gehirnschmalz erarbeiten, zeigt man heute lässig sein Smartphone mit dem Ergebnis vor, wenn jemand nach Fourier-Transformationen oder den typischen Baumsorten im Amazonas-Quellgebiet fragt. Daran ist eigentlich nichts auszusetzen, solange das Ergebnis auch korrekt ist. Entgegen der üblichen Praxis, die Inhalte von Fachbüchern zu prüfen, gibt es aber im Internet keine Prüfung. Jeder kann beliebige Webseiten einrichten und sich dort austoben. Den Nachweis einer Qualifikation gibt es nicht. Auch das ist noch nicht schlimm, solange man die Aussagen prüft und der Autor guten Willens ist. Katastrophal wird es dann, wenn dubiose Quellen gezielt Gerüchte oder Falschaussagen in Umlauf bringen. Auf diese Weise wurde nachweislich die US-Wahl 2016 beeinflusst. Mittlerweile gibt es bei fast jeder Wahl Manipulationsversuche.

Gleiches gilt für die Aussagen von „Experten“. Der Begriff ist nicht geschützt, also nennen sich viele Menschen „Experten“. Ich zum Beispiel bin kein Experte für Virologie, und alle Videos auf youtube werden keinen aus mir machen, da mir die Grundlagen und das Verständnis fehlen. Es macht Sinn, einen geprüft guten Weg zu gehen und den Leuten zu vertrauen, die sich tatsächlich mit der Materie auskennen. Auch hier hielt das Internet in diesem Jahr eine bisher unbekannte Komplikation bereit: der übliche Disput zwischen den echten Experten, die sich auch wirklich mit der Forschung befassen, fand in der Öffentlichkeit statt. Abweichende Meinungen sind normal, werden aber zu Unrecht als einzig wahre Meinung genutzt, um die eigene Meinung zu untermauern. Unstrittig ist eine wissenschaftliche Meinung aber erst dann, wenn kein anderer Wissenschaftler mehr etwas daran herumzumäkeln hat. Bei dem aktuellen Virus dürfte das noch eine Weile dauern.

Wichtiger denn je ist es, die täglichen Aussagen des Internets – gerade in sozialen Netzwerken – zu hinterfragen. Auch früher hat schon mal ein „Experte“ am Stammtisch mit der Faust auf den Tisch geschlagen und bei ein paar Gläsern Bier verkündet, wie er ganz einfach bessere Politik machen würde. Das war aber am nächsten Morgen vergessen. Das Internet vergisst nichts, und viele Infos bleiben online, auch wenn sie längst überholt sind oder von vornherein falsch waren.

Wer ein Smartphone und Zugang zum Internet hat, hat Zugang zu unendlich viel Wissen. Es darf nur verantwortungsvoll eingesetzt werden.

Das Jahr des Egoismus​

Das (Un-)Wort des Jahres 2020 ist für mich das Wort „Ich“. Nie zuvor hatte ich den Eindruck, dieses Wort so häufig zu hören.

„Ich will meine Freiheit haben.“ „Ich lasse mir nichts vorschreiben.“ „Ich weiß selbst, was am besten für mich ist.“ „Ich kann das alles beurteilen, denn ich habe irgendwas dazu gelesen.“

In dieser oder ähnlicher Form habe ich das ganze Jahr über Äußerungen gehört, oft genug gepaart mit einem guten Schuss Empörung. Ein ständiger Aufschrei, egal was gerade passiert ist.

Das Wichtigste ist, dass „ich“ Regeln umgehen kann. Werden Veranstaltungen abgesagt, dann treffen sich eben zufällig kleine Gruppen am gleichen Ort. Gilt irgendwo Maskenpflicht, dann muss „ich“ das ja nicht einhalten, weil gerade keiner da ist, der mich kontrolliert. Wenn „ich“ für mich entscheide, dass eine Maske „mir“ nicht hilft, dann lasse „ich“ sie weg, auch wenn ich damit das Ansteckungsrisiko für Andere erhöhe. Ohne „meinen“ Urlaub im Ausland geht es gar nicht.

Die besonderen Herausforderungen dieses Jahres 2020 haben bei vielen Menschen das egoistische Denken in einer Weise offenbart, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Tatsächlich betrachte ich mich selbst auch als Egoisten, aber bei diesen Auswüchsen bleibt mir die Spucke weg.

Dazu zählt auch die aktuelle Diskussionskultur. Ist man nicht „meiner“ Meinung, dann wird man eben „gecancelt“, abgeschaltet, von der Freundesliste gestrichen. Diskussion – gerade auch im wissenschaftlichen Umfeld – lebt aber davon, dass jemand eine These oder Meinung in den Raum stellt, ein anderer eine andere Meinung bzw. Antithese dagegenstellt, damit dann in konstruktiver Diskussion ein für beide Seiten akzeptables Ergebnis gefunden werden kann (Synthese).

Diskussionen muss man zulassen und auch aushalten. Wer nicht „für Greta“ ist, der ist noch lange kein Klimaleugner. Wer alles abschaffen will, muss sich die Frage gefallen lassen, wie es danach weitergehen soll. Es gibt keine einfachen Schwarz-Weiß-Lösungen.

Kritik ist einfach, etwas besser oder auch nur gleich gut in anderer Form zu machen, weitaus schwerer.

Um es klar zu sagen: es juckt mich nicht, wenn jemand eine andere Meinung hat. Wenn jemand an UFOs glaubt oder an irgendeine religiöse Splittergruppe, dann ist das eben so. Schwierig wird es aber dann, wenn diese Meinung zur Handlungsgrundlage wird. Da steht für mich der Artikel 2 des Grundgesetzes ganz oben: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

Wer für seine persönliche Freiheit so viel Raum benötigt, dass er ihn anderen wegnimmt, übertritt diese Grenze.

So manch einer übersieht vor lauter Schreien nach Freiheit völlig, wie frei er hier in Deutschland lebt. Auch hier war 2020 ein gutes Beispiel: während wir uns hier problemlos bewegen konnten, waren die Menschen in anderen Ländern auf ihre vier Wände beschränkt. Von den disziplinarischen Maßnahmen in Asien erst gar nicht zu reden.

Jeder hat in diesem Jahr Einschränkungen hinnehmen müssen. Interessant ist für mich, dass diejenigen, die tatsächlich hart getroffen wurden, kaum herumnörgeln: Pflegekräfte im übermächtigen Einsatz, Polizisten, die sich mit ausgerasteten Verschwörungstheoretikern und Profiprovokateuren herumärgern mussten, Personal in Supermärkten, das sich an der Kasse oder beim Einräumen von Toilettenpapier beleidigen lassen musste, und viele andere mehr. Sie alle haben ihre Kraft auf ihre Arbeit konzentriert.

Ähnlich sieht es bei den Unternehmern aus. Gastwirte, Hoteliers, Veranstalter, Künstler, ganze Branchen wurden mehrfach lahmgelegt. Was haben sie gemacht? Gastwirte haben sich immer und immer wieder auf ständig wechselnde Regeln eingestellt, Plexiglaswände eingebaut, Papierkram erledigt, Außer-Haus-Services eingerichtet, nur um zusehen zu müssen, wie sich die Gäste vor dem Restaurant ohne Maske zum Rauchen zusammenstellten. Nörgeln Sie herum? Nein, dafür bleibt keine Zeit, es findet lediglich eine sachliche Auseinandersetzung zu den einzelnen Maßnahmen statt. Jeder arbeitet daran, in diesen Zeiten zu überleben, kreative Ideen für den Umsatz zu entwickeln, wo immer es geht. Diese Leistung kann nur jemand schätzen, der den Druck mal mitgemacht hat. Ihre Arbeitnehmer werden es ihnen danken.

Wer nach seiner persönlichen, ach so eingeschränkten Freiheit schreit, sollte an die denken, die wirklich eingeschränkt sind und um ihre Existenz kämpfen. Und er sollte sich so verhalten, dass diese Anstrengungen nicht unnötig erschwert werden.

Konstruktives Denken ist gefragt!​

Wenn im Motorsport ein Fahrer das Rennauto in die Planke gesetzt hat, wird es nicht dadurch wieder heile, dass sich das Team darüber streitet, wer die Schuld daran hatte. Wenn im Fußball der Ball neben das Tor geschossen wird, dann gewinnt die Mannschaft nicht, indem sie darüber diskutiert, ob der Spieler noch einmal hätte abgeben sollen. Ein Auto muss repariert werden, ein Tor muss geschossen werden. So ist es überall im Leben: wer sich nicht um Lösungen kümmert, bleibt stehen.

Mitdenken, gesunder Menschenverstand, das Befolgen ungeschriebener Regeln sind die Grundlage. Wer beim Lesen einer Corona-Regelung zuerst danach sucht, wie er sie umgehen kann, hat den Sinn nicht verstanden.

Nur konstruktive Gedanken bringen Menschen vorwärts. Wenn Menschen zusammenhalten und ein gemeinsames Ziel verfolgen, dann kann etwas bewegt werden. Deshalb waren lange Zeit die Corona-Zahlen in Deutschland so viel besser als anderswo. Arbeiten die Menschen gegeneinander, erreicht kaum einer ein gutes Ziel. Und ein Zusammenkommen von vielen Menschen, die alle „ich, ich, ich“ schreien, ist noch keine konstruktive Bewegung, sondern das Gegenteil.

Die Politik unterstützt uns nur bis zu einem gewissen Grad. Zu lange haben wir zugesehen, dass Karrierepolitiker an die Spitze unseres Landes aufgestiegen sind, entsprechend fehlen die Qualifikationen (in allen Parteien). Trotzdem können wir froh sein, dass in Deutschland besonnen und schnell reagiert wurde, die Zahlen belegen das. Dabei sind jede Menge Fehler gemacht worden, und beim regelmäßigen Ministerpräsidenten-Ballett zu den Beschlüssen über Corona-Maßnahmen wird mir übel. Wenn also Kritik an „denen da oben“, dann sollte sie eher an die MPs gehen, und nicht an Merkel.

Die Frage bleibt, woher die konstruktiven Gedanken kommen werden, die uns voranbringen werden, in der Politik, in der Wirtschaft, aber vor allem auch in unserer Gesellschaft, die derzeit großen Spaltungskräften ausgesetzt ist. Die Handwerker, mittelständischen Unternehmer und auch Großunternehmen werden alles daran setzen, dass es gut weitergeht.

Für das Klima in unserer Gesellschaft sind wir aber schon selbst zuständig.

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Wie anfänglich gesagt, es sind Gedanken, die mir durch den Kopf gehen über dieses Jahr der endlosen Diskussionen, Empörungen, Regeln und Machtlosigkeit. Andere Menschen mögen andere Gedanken haben.

Wir haben nur dieses eine Deutschland, und es ist ein gutes Land. Mit Nörgeln kommen wir nicht weiter, sondern nur, indem wir zusammenstehen und dafür sorgen, dass die aktuelle Herausforderung schnell vorübergeht.

Ich wünsche allen ein gesundes Jahr 2021.

Dieter
Vielen Dank für die perfekte Neujahrsansprache!

Gerade Internet und Egoismus treffen es so hervorragend. Nichts, außer Dankeschön für die Worte, ist hinzuzufügen.

Viele Grüße Alex
 
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