Respekt, daß sich die Ägypter wieder wehren! Ich bin gespannt, wie es weitergeht.
Einige meiner Arbeitskollegen (u.a. eine Ägypterin, ein Palästinenser sowie ein Lybier, alle Anfang dreißig und mit Familie "unten" vor Ort) verfolgen das Thema mit brennendem Interesse.
Aber es ist auch belastend, mal wieder(!) mitanzusehen, wie diese in sorgenvoller Angst um ihre Freunde und Familie leben müssen. Tagtäglich versuch(t)en sie, auf irgendeine weise mit "den Lieben daheim" zu kommunizieren. Meistens gelingt es, inshalla.
In den letzten drei Jahren waren einige tweets, mails und vor allem Anrufe und Videos dabei, die einem echt das Blut in den Adern gefrieren liessen. Wieder einer gestorben, den man vor Ort gut kannte, ein Cousin hier, ein Opa dort... Am Tag, als Qaddhafi gelyncht wurde war mein Kollege komplett aus dem Häuschen und hat einen ausgegeben. Sehr gut nachvollziehbar, hatte er wochenlang aus Misrata nur sehr wenig von seiner Familie gehört und zu diesem Zeitpunkt bereits einige Todesnachrichten von ehemaligen Klassenkameraden ertragen müssen, die vor Ort gekämpft hatten und getötet worden waren. Für 1 Woche wusste er z.B. nur um die Tatsache, daß das Haus der Familie zerbombt worden war und nicht, ob sich jemand darin aufgehalten hatte. Echt schrecklich.
Haben die Stürze Saddams, Ben Alis, Gaddafis, Mubaraks und wahrscheinlich bald auch der Assads eine blühende Landschaft hinterlassen bzw. werden sie dies tun? Eher nicht. Fast immer folgte eine Stärkung des religiös motivierten Extremismus. Diese Gruppierungen haben unter den autoritären Regimen stets gelitten, genossen jedoch einen fundamentalen Rückhalt in Teilen der Bevölkerung, vor allem auf dem Land. Hierin liegt auch das ägyptische Problem: Auf dem Land wird eher konservativ gewählt, dort werden Wahlen enschieden. Die Muslimbrüder waren und sind es auch heute, die an der Basis arbeiten und teilweise Grundbedürfnisse wie Wasser, Brot und Schule befriedigen, indem sie den ärmsten der Armen eine Lebensgrundlage bieten. Daraus generiert sich dankbar ein ideologischer Fundamentalismus der heute das Ergebnis einer jahrzehntelang verfehlten Politik ist.
Die Einblicke, die ich durch persönliche Dokumente und Erzählungen erhalten habe sind teils so verstörend, dass man irgendwann nachvollziehen kann, warum sich in letzter Instanz "für eine Sache in die Luft gesprengt" wird. Obwohl ich sowas zutiefst verachte.
Da sind jedoch auch die Erinnerungen an ganz alltägliche Erniedrungen, z.B. der Willkür eines Soldaten ausgesetzt zu sein.
Der palästinensische Kollege musste bei Heimflügen eine israelische Maschine nehmen. Was meint ihr, wie frei man als Palästinenser reisen kann? Vier Stunden vorher dasein, bis auf die Unterhose ausziehen, als letzter in den Flieger der israelischen El-Al einsteigen, als erster austeigen, sich in Tel Aviv wieder bis auf die Unterhose ausziehen und dann 4-8 Stunden im Zoll warten, bis ein kaugummikauender 20-jähriger israelischer Soldat die Einreise gewährt. Dann weiter bis zu den Pälästinensergebieten am nächsten Checkpoint, wieder Kontrolle, wieder alles ausziehen. Wieder warten. Weiterfahrt erstmal untersagt. Warten. Immer und immer wieder warten. Drei Stunden Flug, 48h unterwegs.
Ebenso verhält es sich mit dem täglichen Weg zur Schule entlang des israelischen Schutzzaunes. Du läufst als Schüler eine halbe Stunde den Weg bis zum Checkpoint, gehst dort rüber und läufst wieder eine halbe Stunde zurück, um zu deiner Schule zu gelangen, die Luftlinie keine 1000m weit weg ist. Während im gelobten Landstrich die jüdischen Siedlerkinder aus ihren klimatisierten Schulbussen winken.
Wenn es dann besonders heiß wurde, durchaus im doppelten Sinne gemeint, verweigerten die Grenzposten gerne einmal den palästinensischen Bauern die Passage mit schwerem Gerät oder ein paar tausend Litern Wasser im Tank. Der Landwirt musste miterleben wie gegenüber auf dem Acker, willkürlich durch eine Wand getrennt, die Ernte vertrocknete. Spätenstens, wenn Hamas mir und meiner Familie dann einen Sack Weizen schenkt, würde auch ich die Faust erheben, Ja! zu politisch motivierter Gewalt sagen, meinem dreijährigen Sohn ein grünes Stirnband anziehen, ihm eine Kalschnikow in die Hand drücken und raus mit ihm auf die Strasse. Das ist die regelmäßig wiederkehrende, traurige Realität. Sehr oft habe ich mit meinen arabischen Freunden teils heftige Diskussionen wegen des bewaffneten Widerstands geführt. Im Grunde verabscheuen auch sie die Gewalt. Es ist deren ultima ratio. Sie sagen, wenn wir jetzt nicht aufstehen, wann dann?
Ungerechtigkeit, fehlende Bildung, Armut, Wut und Hass machen empfänglich für eine Doktrin und sei diese noch so sinnfrei.
Es spielen aber auch die kulturellen Hintergründe und große politische bzw. historische Fehlentscheidungen eine immense Rolle. Da ist zum einen die religiöse Erziehung und Überzeugung, die je nach Handhabung und Auslegung überhaupt keinen Spielraum nach dem Motto "leben und leben lassen" kennt. Da sind zum anderen die vor vielen Jahren, willkürlich mit Lineal gezogenen Grenzen durch den afrikanisch-arabischen Kontinent, die ebenfalls verantwortlich für tödliche Konflikte zeichnen. Unterschiedliche Ethnien und religiöse Überzeugungen mussten sich zwangsweise arrangieren, sehr häufig hat das nicht geklappt (Stammesproblematik). So gibt es auch in der arabischen Umma immer wieder gegensätzliche Meinungen und Interpretationsweisen des Islam, die in bewaffneten Auseinandersetzungen, Bombenattentaten und vielfachen Mord gipfeln. Sunniten, Schiiten, Wahabiten beispielsweise sollte man besser nicht in einen Raum sperren...
Der interreligiöse Konflikt in Myanmar ist vermutlich kein neuer. Er wird, leicht abgeändert, im Norden und Süden Thailands schon seit Jahrzehnten geführt und gut durch das Militär gemanaged. Schließlich will man dort in Urlaub. Überall nähren Armut und tradierte religiöse/kulturelle Meinungsverschiedenheiten den Konflikt. In den diktatorisch geführten Ländern schwelten diese Konflikte immerfort, kamen aber nur selten an die Oberfläche und wurden daher wenig beachtet. Das gleiche gilt für den indischen wie auch den afrikanischen Teil dieser Welt.
Die feigen, in sich gelähmten europäischen Staaten und v.a. die englischen und amerikanischen Regierungen haben vermutlich stets das für sie kleinere Übel gewählt. Ich denke, die thinktanks wussten warum.
So hat man Diktatoren die Stange gehalten, sie eingesetzt, abgestzt und ersetzt um sich selbst nicht die Finger zu verbrennen. (BTW. Gibt es denn jetzt eigentlich Freiheit am Hindukush oder nicht? Bitte klärt mich auf. Wenn doch schon zu Kolonialzeiten die Engländer und später jahrzehntelang die Russen sich an den paschtunischen Stämmen die Zähne ausgebissen haben, warum sollte das dann der Nato gelungen sein?)
Extremismus wie auch ethnische Konflikte blieben jahrzehntelang vor Ort unterdrückt, bisweilen unbeachtet und konnten nur schwerlich nach Europa und Amerika gelangen. Bis jetzt...bis die modernen Medien kamen und nun alles mit voller Wucht frei Haus liefern.
Putin und die demokratisch gewählten Diktatoren seiner Satellitenstaaten (vormals UdSSR) werden noch jede Menge Spass mit religiös motiviertem Fundamentalismus bekommen, Tschetschenien ist erst die seit zwanzig Jahren andauernde Ouvertüre. Innerchinesische Konflikte? Ausser ein bischen Tibet oder Taiwan hört man nicht allzuviel. Die chin. Regierung hat das neben dem wahabitischen Königshaus bis dato noch am besten im Griff. Revolution in Bahrain, Saudi-Arabien oder gar Russland 2.0 (eigentlich ja 3.0) ? Never ever.
Die einen (fundamentale Wahabiten, die größten Freunde der freien und demokratischen Amis, welch ein Hohn) sitzen auf unserem Treibstoff, die anderen (Chinesen und Russen, die größten Freunde von Angie) kaufen uns alles ab und spielen ebenfalls die Energiekarte. Da schüttelt man als Diplomat lieber fleissig Hände, hält aufgrund der deutschen Geschichte ganz still, verkauft achselzuckend Panzer und formt mit seinen Händen ein unschuldiges Herz oder eine Raute vor dem Becken. Man lässt durch seinen smarten Regierungssprecher verkünden, daß man jetzt ganz schön böse auf die strudelnde DatenSupermacht Amerika ist. Either you´re with us or you ´re with the terrorists. Bitteschön. Da haben die Neocons, andere nennen sie WASPs, uns ganz was feines hinterlassen.
Zeit für ein Comeback: George W. hat ja noch einen Bruder und zwei Töchter...Gut, daß die ganz wertfrei und ohne religiöse Überzeugung an die Sache gehen würden.
Ich wünsche den unterdrückten Völkern jedenfalls viel Erfolg in ihrer Sache. Aber es wird wohl noch ein Weilchen dauern, bis man auf dem Tahirplatz oder in Kundus über E10 diskutiert.
Verzeiht meinen Sarkasmus...
Habt Euch lieb. Peace