AW: für oder wieder privater Waffenbesitz
Amokläufer ....
http://www.stern.de/panorama/:Trag%F6die-Selbstmord-Geisterfahrer-Menschen/593113.html
http://www.welt.de/welt_print/artic...rfahrer_reisst_junge_Frau_mit_in_den_Tod.html
http://www.flensburg-online.de/blog...ht-geisterfahrer-auf-der-autobahn-bab-66.html
http://www.oe24.at/zeitung/oesterreich/chronik/steiermark/article348691.ece
http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,525917,00.html
http://www.hr-online.de/website/rub...sp?rubrik=5710&key=standard_document_27812768
http://www.shortnews.de/start.cfm?id=669628
http://www.rtl.de/exclusiv/exclusiv_977917.php?media=artikel1&set_id=19752
http://www.berlinonline.de/berliner...i/2008/0301/berlinbrandenburg/0009/index.html
Ach ja, hier hab ich einen meiner Meinung nach guten Bericht gefunden
Der Begriff „Amok“ kommt aus der malaiischen Sprache. Ein Mann, der in einem plötzlichen gewalttätigen Ausbruch Menschen – manchmal nur Tiere – tötet, heißt dort „pengamok“. Unerwartet ist der Amoklauf nur für die Umgebung. Der Pengamok selbst zieht sich vor seinem Ausbruch oft tagelang von seinen Mitmenschen zurück – bis er hervorbricht, bis zur Erschöpfung mordet und am Ende ausgelaugt zusammenbricht oder sich selbst tötet.
Diese „klassische“ Form des Amoklaufs kommt auch bei uns vor. Dann berichten Boulevardblätter von dem verschuldeten Familienvater, der in einem Anfall von Wahnsinn und Ausweglosigkeit seine Frau umbrachte, die sich von ihm trennen wollte. Und seine Kinder, die er bei einer Scheidung verloren hätte. Der Täter handelt spontan, ungeplant. Irgendeine Kleinigkeit bringt das Faß zum Überlaufen. Lang angestaute Wut und Verzweiflung entlädt sich in einem Gewaltakt. Einerseits fühlt er sich erleichtert, weil er Rache genommen hat. Andererseits fassungslos, daß er dazu fähig war. Mit der Ahnung im Hinterkopf, daß er seine Lage um ein Vielfaches verschlimmert hat, steigert er sich in seine Wut immer weiter hinein. Wenn ohnehin alles zu spät ist: dann soviel Schaden anrichten wie möglich.
Neben der Ausweglosigkeit der individuellen Lebenssituation treffen wir hier sehr häufig auf eine impulsive, labile Persönlichkeitsstruktur. Es handelt sich um Männer, deren Fähigkeit zur Selbstkontrolle unter Belastung zusammenbricht. Überdurchschnittlich viele sind durch kleinere Gewaltdelikte schon vorher aufgefallen. Diese Erkenntnisse eignen sich leider kaum, künftige Exzesse zu verhüten. Denn Amokläufe sind sehr selten. Weit über 99 Prozent auffälliger Männer bringen niemals einen Menschen um.
Also aufgestaute Aggression und Verlust der Selbstkontrolle? Der Amoklauf von Erfurt folgte einem anderen Muster. Denn im Gegensatz zum klassischen Amok handelt es sich hier um eine geplante, kaltblütige Tat. Fachleute sprechen deshalb (statt von Amok) von SMASH ( für Sudden Mass Assault Syndrome with Homicide, zu deutsch etwa: Plötzlicher Angriff auf Menschenmassen mit Menschentötung). Von einem plötzlichen Wutausbruch kann keine Rede sein. Es handelt sich vielmehr um einen geplanten Racheakt. Der Schütze ballerte am Erfurter Gutenberg-Gymnasium nicht blindwütig um sich, sondern erschoß gezielt seine ehemaligen Lehrer.
Kein blutdürstiger Wahnsinniger. Sondern ein Selbstmörder, der vor seiner Selbsttötung zu einem Rachefeldzug aufbricht.
Zuerst ein paar Fakten. In Deutschland nehmen sich beinahe doppelt soviel Menschen das Leben als durch Verkehrsunfälle ums Leben kommen: etwa 12 bis 14 000. Vereinsamte alte Menschen und Jugendliche führen die Statistik an. Selbstmordversuche sind unter Frauen häufiger, „erfolgreich“ vollendete Suizide jedoch unter Männern. Dabei schneiden Frauen sich eher die Pulsadern auf oder greifen zu Tabletten. Männer bevorzugen aggressivere Methoden: Sie erhängen sich, fahren mit dem Auto von einer Brücke, stürzen sich von Dächern oder wenden Schußwaffen an. In den letzten 20 Jahren ist die Selbstmordrate unter jungen Männern bis 19 Jahre um 72 Prozent angestiegen. Das berichtete Mike McClure vom Chelsea and Westminster Hospital (Großbritannien). Ausweglosigkeit, Isolierung und schwere Enttäuschungen sind zentrale Motive.
Der Amokläufer von Erfurt ist in dieser Hinsicht durchaus ein typischer Vertreter. Mit einer Ausnahme: Die meisten Selbstmörder treten still und leise ab. Sie „bestrafen“ ausschließlich sich selbst. Doch fast immer beabsichtigt der Selbstmord, eine Botschaft zu übermitteln. Häufig in Abschiedsbriefen formuliert. Der Täter will seine Mitmenschen, von denen er sich im Stich gelassen fühlt, bestrafen. Sein Tod soll ihre Reue entfachen.
Daß ein Selbstmörder sich im finalen Akt an seinen „Peinigern“ aktiv rächt – also den Menschen, die ihn nicht beachtet oder enttäuscht haben – ist seltener. Aber dennoch häufiger, als viele von uns vermuten. Einige Beispiele, die Sie kennen:
- Selbstmordattentäter in Palästina
- Geiselnehmer in aussichtsloser Lage: sie hoffen, daß die Polizei ihnen die Selbsttötung abnimmt
- Selbstmord-Geisterfahrer: vor allem deren Zahl ist höher als wir ahnen. Viele landen in der Unfallstatistik. Sie kommen nur in die Schlagzeilen, wenn das Opfer zum Beispiel die Tochter einer prominenten TV-Moderatorin ist.
Krisen und Stunden der Verzweiflung kennen die meisten von uns. Doch nach einiger Zeit rappeln wir uns auf, probieren Alternativen aus oder arrangieren uns. Spätere Selbstmörder verhalten sich anders: Sie setzen sich mit ihren Schwierigkeiten nicht auseinander, sondern neigen zur Realitätsflucht. Sie beginnen, die Welt als schlecht und sich als edel einzuschätzen. Oder umgekehrt, die Mitmenschen als tüchtig und sich selbst als Versager. Oft schwanken sie zwischen beiden Schwarz-Weiß-Bildern hin und her. Die Versuchung, den Konflikt zwischen schwarz und weiß mit Gewalt zu lösen, liegt dann nahe, wenn alle anderen Versuche, aus der Isolation zu entkommen, gescheitert sind. Sind meine Mitmenschen böse mit mir – zum Beispiel, weil sie mich von der Schule werfen und mir so ein erfolgreiches Leben versperren – werde ich Ihnen mal zeigen, wie böse ich wirklich sein kann.
Ein Selbstmörder, der sich als Versager erlebt hat, ist für Amoklauf noch aus einem anderen Grunde anfällig. Solange er seinen Freitod plant, plagen ihn Zweifel: Werde ich es schaffen, mich zu töten, oder werde ich auch hier versagen? Durch einen Amoklauf bringt er sich in Zugzwang. Wenn er vorher ein Dutzend seiner Peiniger tötet, versperrt er sich den Ausweg, im letzten Moment vor der Selbsttötung zurückzuschrecken.
Zugleich erfährt er Beachtung. Einmal im Mittelpunkt stehen! Von Tausenden wahrgenommen werden und endlich – endlich – respektiert werden. In der Medienaufmerksamkeit liegt die eigentliche Gefahr. Amokläufe sind seltene Ereignisse. Aber es besteht das Risiko, daß jeder neue Täter, der die Schwelle zum Massenmord überschreitet, versucht das Grauen seiner Vorgänger zu übertrumpfen. In einer Zeit, wo die Mehrzahl der Jugendlichen davon träumt, wenigstens einmal im Rampenlicht zu stehen, ist das eine gewaltige Gefahr. Mit immer absonderlichen Shows kämpfen TV-Macher um Einschaltquoten. Und es mangelt keineswegs an Leuten, die bereit sind, alles zu tun, nur um einmal dabei zu sein. Ein Blick in das Guinnessbuch der Rekorde genügt, um zu zeigen, daß es längst keine Schamgrenzen mehr gibt. Warum soll ausgerechnet ein Lebensmüder davon eine Ausnahme bilden?
Wäre dieser reale Horror nicht ein Thema für den King des Phantasy-Horrors – Stephen King? In der Tat: er hat bereits 1977 unter dem Pseudonym „Richard Bachman“ einen Roman mit dem Titel „Amok“ veröffentlicht. Der Inhalt wirkt beängstigend aktuell. Der Schüler und Ich-Erzähler Charlie Decker erschießt die Lehrer Mrs, Underwood und Mr. Vance, bevor er eine ganze Klasse als Geiseln nimmt. Dann aber wird es märchenhaft. Indem er in der Klasse eine Unterhaltung über seine Motive beginnt, weckt er die Sympathien seiner Mitschüler, und am Ende ergibt er sich dem Sheriff, der ihn niederschießt. Den Rest seines Lebens verbringt er körperlich und geistig gelähmt in einer geschlossenen Nervenklinik.
Ein Roman im Zeitgeist der 70er Jahre: Nicht der Mörder – die Ermordeten sind schuldig. Inzwischen steht aus leidvoller Erfahrung fest: die Schule hat viel weniger Macht. Sie kann weder Amokläufer heranzüchten, noch sie verhindern. Können Amokläufe überhaupt verhindert werden?
Der leichte Zugang zu Waffen erhöht die Zahl derer, die den Ausweg eines Amoklaufes als reale Möglichkeit in Betracht ziehen. Amokschützen sind häufig Nachahmungstäter, die Zugang zu Waffen haben – also Polizisten, Soldaten oder private Waffennarren. Das ergab eine internationale Studie von mehreren deutschen und amerikanischen Universitäten. Daher ist die Zahl der Amokläufer, gemessen an der Zahl der Einwohner, in den USA wesentlich höher als in Westeuropa mit seinen strengeren Waffengesetzen. Psychologische Eignungstest in Schützenvereinen nützen nur, wo jemand schon mit Selbstmordabsicht dem Verein beitritt. Das dürfte aber selten der Fall sein. Wer konkret seinen Selbstmord plant, meidet in aller Regel neue soziale Kontakte.
Welche Chance hat Selbstmordprophylaxe? Wer seinen Selbstmord plant, zeichnet sich durch eine Reihe von Eigenschaften aus, die Psychologen, aber auch aufmerksame Lehrer und Angehörige erkennen können. Dazu gehören Einengung des Wahrnehmens und Denkens, sozialer Rückzug, konkrete Selbstmordphantasien, die auch anderen erzählt werden, und eine Reihe anderer Verhaltensweisen, die der Psychologe Ringel 1969 unter dem Begriff präsuizidales Syndrom zusammengefaßt hat. Wird das präsuizidale Syndrom erkannt, ist auch therapeutische Hilfe mit guten Erfolgsaussichten möglich.
Leider erkennen Lehrer und Angehörige nur selten die Gefahr. Wer an Selbstmord denkt, wird still und meidet Auseinandersetzungen. Die Erziehungsberechtigten sind meist froh, daß sich der Schüler unauffällig verhält. Eine Studie des Erziehungswissenschaftlers Richard Hazler der Universität von Ohio zeigte 1999, daß Lehrer die beklemmende Situation, in der sich amoklaufende Schüler zuvor befunden hatten, über Monate oder Jahre nicht erkannten.
Solange freilich die öffentliche Aufmerksamkeit um jeden Preis mit Bewunderung und anderen Erfolgen belohnt wird: irgendwo in diesem Lande spielen schon weitere Jugendliche mit dem Gedanken, ob sie nicht mit einem grausamen Aufbegehren aus ihrem Teufelskreis von Mißerfolg und Ablehnung ausbrechen sollten. Zum Glück überschreitet nur selten jemand die Schwelle von der Phantasie zur blutigen Tat. Moral ist leider nicht geeignet, vor der Faszination des Bösen zu schützen. Das wußte schon Goethe, als er in seinem „Faust“ vom Für und Wider des Teufelspaktes schrieb.
Was daher auf keinen Fall hilft: Die von Konservativen beschworene Besinnung auf traditionelle Werte. Ein Blick in die USA lehrt, daß gerade in puritanischen Gegenden ungehemmte Gewaltausbrüche am häufigsten sind. Der gläubige Amokläufer hält sich sowieso für verdammt. Da sollen wenigstens so viele wie möglich mit in die Hölle fahren, damit er sich seine Verdammnis auch voll verdient hat. Ein Klima drakonischer Strafen und öffentlicher Heuchelei treibt männliche Jugendliche erst recht in subjektiv ausweglose Situationen, die sich dann im Amoklauf entladen.
Quelle:
http://egonet.de/ego/0602/art2.htm