... da hast Du mich nun bis zur Unkenntlichkeit verkürzt und so lange "herumgedreht", bis dass kaum noch was drin ist von dem, was ich meine! Das ist aber nur wenig hilfreich - um nicht zu sagen: Unfug!
Ich versuch's deshalb noch einmal: Eine Handlungsabfolge (z.B. Auto abfangen) muss "automatisiert" stattfinden. Das bedeutet, ein "Programm" läuft ab. Ein solches Programm kann angeboren oder erlernt sein. Diese Programme müssen sich über einen längeren Zeitraum entwickeln und stellen sich nicht nach einem "Training" ein. Außerdem muss der Prozess ohne (!) rationale Beteiligung ablaufen, ohne Einsicht in die sachlichen Zusammenhänge! Genauso ist es z.B. auch beim Lernen von Fahrradfahren, Schwimmen oder Skilaufen.
"Gefährdung" zu unterstellen ist billige Polemik!
Grüße, Herbert
Ich versuch mal deine Ausführungen durch wissenschaftliche Erkenntnisse der Sportmedizin zu ergänzen.
Unser Gedächtnis
Für unsere Gedächtnisleistungen sind die Neuronen der Großhirnrinde verantwortlich.
Die Gedächtnisbildung beruht auf neuronalen Stoffwechselvorgängen, die bleibende Veränderungen der synaptischen Membran bewirken (62).
Der Hippocampus und die Amygdala spielen für die Speichervorgänge in unserem Gehirn eine Schlüsselrolle.
Sie organisieren das Langzeitgedächtnis, indem sie immer dann in Aktion treten, wenn Informationen mittel- oder langfristig behalten werden sollen (19).
Beide sind Zentren des limbischen Systems und verfügen über vielfältige Verbindungen mit anderen Hirnregionen.
Das ermöglicht es ihnen, die Bedeutung von verarbeiteten Signalen zu bewerten und das Resultat auf die Großhirnrinde zurück zu projezieren (29).
Bevor Informationen an verschiedenen Orten der Großhirnrinde permanent gespeichert werden, lagern sie über einen längeren Zeitraum im Hippocampus.
Da Informationsinhalte bei ihrer Speicherung mit bereits existierendem Wissen in der Großhirnrinde verknüpft werden, ermöglicht die Lagerung im Hippocampus schnelleren Zugriff auf Informationen, die an zweckmäßigen Orten in der Großhirnrinde lokalisiert sind (16)
Hierbei gilt: je größer die Anzahl der Verbindungen mit existierendem Wissen, desto größer auch die Wahrscheinlichkeit, daß auf die gespeicherten Informationsinhalte zu einem späteren Zeitpunkt wieder zugegriffen werden kann." (16)
Die Speicherung von Gedächtnisinhalten und deren Verarbeitung erfolgt an verschiedenen Stellen der Großhirnrinde:
Bestimmte Bereiche der Schläfenlappen sind für die Wiedererkennung von Bildern verantwortlich.
Bestimmte Bereiche der Stirnlappen sind für die Speicherung der Reihenfolge von Bildern verantwortlich.
Formen des Gedächtnisses
a. sensorisches/ikonisches Gedächtnis:
Es handelt sich um ein äußerst kurzzeitiges photographisches Gedächtnis. Es baut sich innerhalb von ca. 200 Millisekunden wieder ab (58).
b. Kurzzeitgedächtnis/primäres Gedächtnis: (13)
Unser Kurzzeitgedächtnis besitzt eine begrenzte Aufnahmekapazität; es kann nur etwa sieben Items einer völlig neuen Information (z.B. einer Telefonnummer) speichern.
Im Alltag nehmen wir zahlreiche Informationen auf, die zunächst in unser Kurzzeitgedächtnis aufgenommen werden.
Da es sich i.d.R. um Ereignisse handelt, die uns zumindest zum Teil vertraut sind, verschmelzen neue Informationen mit denen im Langzeitgedächtnis sowie mit unseren Erfahrungen. Durch diese Verknüpfung können die Informationen deutlich länger im Kurzzeitgedächtnis behalten werden. Dieser Speicher wird als Arbeitsgedächtnis bezeichnet.
c) Langzeitgedächtnis/sekundäres Gedächtnis: (13)
Das Übernehmen von Informationen in das Langzeitgedächtnis wird als sog. Konsolidierungsprozess bezeichnet.
Durch Wiederholung und/oder verstärkende Parallel-Prozesse gelangen lernspezifische Informationen in den Speicher des Langzeitgedächtnisses.
Hier werden große Kapazitäten dauerhaft gespeichert. Je nach Gewichtung der Informationen kann ein deutlicher Unterschied in der Zugriffsgeschwindigkeit festgestellt werden (13).
Werden Informationen im Langzeitgedächtnis gespeichert, so kommt es zu Veränderungen in den Neuronenverbänden. Diese Veränderungen werden als Spuren oder Engramme bezeichnet.
Die Engrammbildung wird im ausgereiften Gehirn von global organisierten Kontrollsystemen überwacht, die ihre Informationen aus dem limbischen System beziehen (29).
Alltägliche Bewegungsabläufe, wie etwa das Laufen oder Fahrradfahren werden nie vergessen. Sie sind im sog. tertiären Gedächtnis lokalisiert, das ein eigenständiger Teil des Langzeitgedächtnisses ist. Es ermöglicht eine extrem kurze Zugriffsdauer (13).
Das motorische (prozedurale) und semantisch-kognitive (deklarative) Gedächtnis sind unterschiedlichen Funktionsarealen des Gehirns zugeordnet.
Dabei sind sie miteinander und mit sensorischen Arealen verknüpft.
Wo genau das Langzeitgedächtnis lokalisiert ist, kann nicht beantwortet werden.
"Man nimmt an, dass neben dem Assoziationskortex auch die Basalganglien und für motorische Bereiche - das Kleinhirn in Frage kommen." (13)
Biochemische Prozesse:
Das sensorische Gedächtnis beruht auf bioelektrischen, transmitterbedingten Vorgängen.
Nach dem Eintreffen einer lernspezifischen Information kommt es beim Kurzzeitgedächtnis zu neurochemischen Reaktionen.
Im Zellkern kommt es zum Aufbau von Eiweißmolekülen in perikarionalen Strukturelementen.
Die chemische Struktur dieser Eiweißmoleküle hängt von den elektrophysiologischen Prozessen an der Membran sowie von den beteiligten Transmittern ab.
Der Aufbau der Eiweißmoleküle benötigt Minuten bis Tage.
Sobald der Transport der synthetisierten Eiweißmoleküle an bestimmte Stellen der Membran und ihr Einbau in die Lipidstruktur abgeschlossen ist, liegt das Langzeitgedächtnis vor.
Die drei Gedächtnisphasen setzen sich also aus einer Sequenz von Einzelprozessen zusammen, die sich jedoch immer gegenseitig bedingen (62).
Da die Speicherung von Informationen ins Kurzzeitgedächtnis nur Sekunden bis Minuten beträgt, kann der Speicherprozess nicht auf permanenten Änderungen im Nervensystem, z.B. in Form neuer Synapsenbildungen beruhen.
Wenn es also zu keiner Erhöhung der Anzahl an Verbindungen kommt, muss eine Erklärung in der Ausschüttung und Wirkung der beteiligten Neurotransmitter zu finden sein.
Laut dem Fonds "Jahr des Gehirns 1999" kann es sich um folgende Änderungen handeln (16):
Veränderte Anzahl der freigegebenen Vesikel bei der Bildung des Aktionspotentials
Veränderte Menge der in den Vesikeln enthaltenen Neurotransmitter
Veränderte Anzahl der produzierten und verfügbaren Vesikel
Veränderte Wiederaufnahme- oder Abbauprozesse der Neurotransmitter
Veränderte Anzahl oder Sensibilität der Rezeptoren.
Im Gegensatz dazu beruht die Speicherung von Informationen ins Langzeitgedächtnis auf permanenten Strukturänderungen im Nervensystem.
Förderung der Gehirnaktivität:
Bestimmte Neurohormone können die Gedächtnisleistung fördern, aber auch hemmen.
Dabei spielt die Amygdala , die an der Speicherung von Informationen in das Kurzzeitgedächtnis involviert ist, eine entscheidende Rolle: Geringe Substanzdosen erleichtern die Erinnerung, wenn sie direkt in die Amygdala eingebracht wurden. Bei einer Schädigung der Amygdala kommt es zu Störungen des Kurzzeitgedächtnisses (58).
Adrenalin gehört z.B. zu den Substanzen, die die Gedächtnisleistungen am besten fördern. Da Adrenalin zusammen mit Noradrenalin immer dann ausgeschüttet wird, wenn der Organismus unter Stress steht, werden vor allem solche Erfahrungen am besten behalten, die in einem Zustand der Aufmerksamkeit oder mäßiger Spannung gemacht werden.
Motorisches Lernen
Erinnern Sie sich an Ihre Erfahrungen, die Sie beim Erlernen einer neuen Sportart gemacht haben?
Als Anfänger/in mussten Sie noch jede Information in kleine Sinneseinheiten zergliedern. Später wurde es Ihnen möglich, Bewegungen komplex wahrzunehmen und durchzuführen.
Die vielen Versuche, die Sie bis dahin durchführen mussten, haben schließlich zu einem Fertigkeitsfortschritt geführt.
Dieser Fortschritt setzt sich als konkreter Programmentwurf in den motorischen Assoziationszentren fest.
Hier können dann ständige Vergleiche zwischen Soll- und Istwert ablaufen, so dass Sie jederzeit eine situationsangepasste Bewegung durchführen können (13).
Schema zum motorischen Lernen (13)
Es werden drei Lernphasen im motorischen Lernprozess unterschieden (13):
a) Grobform
Es entstehen erste grobe Entwürfe, wie die Reaktion auf die Bewegung durch die sensorischen Afferenzen von Muskelspindeln, Golgi-Sehnenorganen, Gelenksensoren und Gleichgewichtsorgan aussehen wird.
Ein spezifisches Bewegungsgefühl existiert noch nicht.
Die Bewegung beinhaltet viele überflüssige Mitbewegungen, da ständig Korrekturmechanismen aktiv werden.
Grobe, meist fehlerhafte Gliederung des räumlich-zeitlichen Bewegungsablaufs
Die gleichzeitige Aktivierung von Agonisten und Antagonisten wirkt sich hemmend auf die Bewegung aus.
Hoher Energieaufwand
Hoher Konzentrationsaufwand
b) Feinform
Entstehung von Bewegungsteilentwürfen
Verbesserung des Bewegungsgefühls
Verbesserte, jedoch noch unvollständige Speicherung kinästhetischer, taktiler und vestibulärer Erfahrungen (Rückmeldungen)
Geringerer Konzentrationsaufwand
Geringere Störanfälligkeit durch äußere Faktoren
c) Automatisierung
Es existieren differenzierte Engramme mit hoher Stabilisation
Starke Differenzierung des Bewegungsgefühls
Optimale Koordination der stabil reproduzierbar ablaufenden Teilbewegungen
Geringerer Konzentrationsaufwand
Geringerer Energieaufwand
In der Phase der Grobkoordination stehen die Entscheidungsmechanismen im Vordergrund.
Aus dem Langzeitgedächtnis müssen Muster oder Teilhandlungen gesucht werden, die die zu erlernende Bewegung unterstützen können.
Die Muster müssen überprüft, zusammengesetzt, kognitiv verarbeitet und in der Anwendung kontrolliert werden. Misslingt die Bewegung, müssen die Fehler gesucht und analysiert werden.
Die Lösungsstrategien werden so lange durchgespielt und immer wieder aktiv und kognitiv überprüft, bis das Ziel, das Ausführen der Bewegung erreicht ist.
Mit fortschreitender Übung nehmen die kognitiven Elemente ab, während die motorischen zunehmen.
Hier befindet sich die Lernenden dann in der Phase der Feinform.
Als Beispiel für das motorische Lernen dient eine vergleichende Aufzeichnung der Hirnpotentiale (MRCP´s) eines untrainierten Sportlers und eines trainierten Radsportlers.
Als motorische Handlung führten beide Probanden einen Pedalantritt am Fahrradergometers durch.
Man erkennt, dass sich die kortikale Bewegungsvorbereitung des trainierten Radsportlers (blau) viel geringer ausfällt und sich auf motorisch relevante Hirnregionen fokussiert.
Bei der Realisierung des Antritts kommt es dagegen beim untrainierten Sportler zu deutlich höheren Potentiale mit einer Ausweitung in den frontalen Kortex.
Man kann davon ausgehen, dass der trainierte Radsportler im Bezug auf die Bewegung "Pedalantritt" einen höhergradigen Automatismus entwickelt hat.