Heute mal wieder ein Beitrag zu unseren lieben Mitmenschen: den Oberlehrern, die jedermann an ihrem Erfahrungsschatz und an ihrer Weisheit teilhaben lassen müssen und – selbstverständlich ungefragt und überflüssig – die Welt erklären wollen.
Meistens lasse ich solche Menschen einfach wortlos stehen oder bringe sie mit kurzen, eindeutigen Ansagen zur Räson oder zumindest zum Schweigen und habe sie dann kurze Zeit später wieder vergessen.
Aber es nervt trotzdem jedes Mal, ihnen zu begegnen; man kann ihnen nicht entgehen, sie sind überall. Warum also dem Unvermeidbaren nicht etwas Spaß abgewinnen?
Zur Vorgeschichte:
Der Supermarkt, in dem ich häufig einkaufe, hat einen Parkplatz mit geschätzt 120 Stellplätzen. Zwei davon sind für Menschen mit Behinderungen reserviert (auf diesen parke ich selbstverständlich nie) und fünf mit dem Schild “Mutter & Kind“ gekennzeichnet. Auf letzteren stelle ich meinen Wagen gern ab, wenn ich a) nur schnell ein, zwei Kleinigkeiten besorgen muss und wenn b) alle anderen “Mutter & Kind“-Flächen noch frei sind. Der Vorteil dieser Stellplätze liegt einfach darin, dass man vom Laden aus seinen Wagen sehen kann, was bei den Parkkünstlern, die in einem Kurort häufig anzutreffen sind, nicht schaden kann (das wäre allerdings eine andere Geschichte).
So auch gestern. Auf dem Supermarkt-Parkplatz steht nur ungefähr ein Dutzend Autos; Mütter mit Kindern sind gar nicht vertreten.
Ich bin gerade aus dem Zettie gestiegen, da nähert sich mir zielstrebig eine Frau von einem Parkplatz für Kinderlose aus. Nach kurzem musternden Blick stecke ich sie in die Schublade “Frau mit ‘Kevin an Bord‘-Aufkleber am Auto und selbst mit ziemlicher Sicherheit kein Wunschkind gewesen“. Ich weiß: das ist ein Klischee. Aber auch Klischees müssen ja irgendwo ihren Ursprung haben.
Erwartungsgemäß beginnt ein lautstarkes und vorwurfsvolles Zetern: „Sie sollten hier nicht stehenbleiben!“
„Das habe ich auch nicht vor; ich werde hineingehen und einkaufen.“
„Ich meinte Ihren Wagen: der kann hier nicht stehen.“
Kurzer Blick von mir zum Zettie – toll, wie er da in der Sonne funkelt.
„Wieso? Der steht doch sicher so. Haben Sie Angst, dass er umkippen könne?“
„Sehen Sie das Schild nicht?“
„Doch, das sehe ich. Was ist damit?“
„Hier dürfen Sie nur parken, wenn Sie ein Kind dabei haben.“
„Das kann ich mir nicht vorstellen. Da steht doch ‘Mutter & Kind‘ und nicht ‘Vater & Kind‘; finden Sie das nicht auch irgendwie diskriminierend?“
„Entscheidend ist doch, wie das gemeint ist!“
„Und was meinen Sie, wie das gemeint ist?“
„Es sollen Parkplätze für ELTERN mit Kindern freigehalten werden.“
Kurzer Blick von mir zum Zettie – was für ein wundervolles Auto; ich fahre ihn noch so gern wie am ersten Tag.
„Wie Sie sehen, habe ich so geparkt, dass noch ausreichend Platz für Mütter bleibt.“
„Aber wenn das jeder so machen würde …“
Kurzer Blick von mir zum Zettie – ich liebe Kunstpausen (und meinen Zettie, aber das sagte ich ja bereits).
„Wie Sie unschwer erkennen können, mache nur ich das so und es sind noch genügend Parkplätze frei, um vier Mütter glücklich zu machen.“
„Ja, aber wenn jeder so denken würde …“
„Wenn jeder selbstständig denken würde, dann würde ich das sehr begrüßen.“
„Sagen Sie mal: wollen oder können Sie mich nicht verstehen?“
„Beides! Warum sollte ich Sie auch verstehen wollen? Ich kenne Sie nicht und Ihre Meinung ist mir völlig egal.“
Ihr Gesichtsausdruck ist unbezahlbar. Ich lasse sie stehen. Irgendetwas sagt sie noch, aber ich höre es nicht mehr – muss ich ja auch nicht.
Keine fünf Minuten später verlasse ich den Supermarkt mit einer Dose Hühnersuppe. Als ich zum Wagen komme, bin ich sehr erleichtert: Kein wütendes Hupen verzweifelter Mütter, kein Abschleppunternehmen vor Ort, keine rituelle Verbrennung von Z4-Prospekten, noch nicht einmal ein Mutterschiff auf den reservierten Flächen. Ob sich allerdings Väter nicht getraut haben, dort zu parken, kann ich nicht beurteilen ...
