Alles ist in bester Ordnung am Nürburgring. Zumindest sollte man es meinen. Politiker wie Insolvenzverwalter verbreiten beruhigende Nachrichten. Hauptsache, die Formel 1 findet statt. Und die Termine für die VLN, RCN, 24h und andere Veranstaltungen stehen doch auch. Klar, dass da jetzt von Verkauf geredet wird, ist natürlich nicht so schön. Aber da kann man sowieso nichts machen, die Dinge nehmen ihren Lauf.
So oder so ähnlich müssen wohl fast alle Motorsportler denken, denn sonst hätte ich sicher heute bei der außergewöhnlichen Mitgliederversammlung des Vereins "Ja zum Nürburgring" neben Sabine Schmitz, Christian Menzel, Marc Hennerici und Ed Nicelife wohl noch ein paar weitere FahrerInnen gesehen.
Die Wirklichkeit sieht leider anders aus. Otto Flimm, der Mann mit den wahrscheinlich größten Verdiensten um den Nürburgring, hat das heute sehr deutlich gemacht. Als Vorsitzender des Vereins "Ja zum Nürburgring" hat er in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend zum Erhalt des Nürburgrings beigetragen, nicht zuletzt durch erhebliche finanzielle Beteiligung am Bau der GP-Strecke, aber auch der 3-fach-Leitplanken und Schutzzäune. Hinter dem Verein stehen die Schwergewichte der deutschen Autoszene, der ADAC, der AvD und viele Motorsportveranstalter. Otto Flimm hatte auch persönlich seine Finger im Spiel, als es jetzt um die F1 ging. Es waren seine Kontakte zu Bernie Ecclestone, die den Ausschlag gaben.Natürlich sollte der Vollständigkeit halber nicht vergessen werden, dass auch Kurt Beck sich einiges geleistet hat rund um den Nürburgring, allerdings bezweifle ich, dass man deshalb eine Straße dort nach ihm benennen wird, wie es bei Otto Flimm der Fall war.
Otto Flimm ist den einzig richtigen Weg gegangen in dieser verfahrenen Situation, nämlich den des Lobbyisten. Er beherrscht dieses Terrain perfekt, hat alle nötigen Connections bis direct zu Bernie Ecclestone und kennt sich mit den politischen Prozessen bestens aus. Er hat mit Politikern in Mainz gesprochen und hat mit Vertretern der EU-Kommission in Brüssel über mögliche Wege diskutiert, um das EU-Beihilfeverfahren abzubiegen. In einfachen Worten drücke ich mal aus, was ich verstanden habe: Wenn man sich auf den Motorsport konzentriert und die "Kirmesmeile", wie Otto Flimm sie nennt, außen vor läßt, lassen sich die Beihilfen der Vergangenheit rechtfertigen. Basierend auf dem Grundsatz der rheinland-pfälzischen Verfassung, dass Sport zu fördern sei, und auf der Erkenntnis, dass 90% des Betriebs der Nordschleife dem Breitensport dient, ließen sich die Gelder, die der Rennstrecke zugeflossen sind, als legale Beihilfen deklarieren, die nachträglich von der EU genehmigt werden könnten.
Nun wäre es eine gute Idee gewesen, dass sich Politiker aus Mainz, Insolvenzverwalter, Gläubigerausschuss und der Verein an einen Tisch setzen, um aus diesem Ansatz einen Plan zu machen, diesen dann in Brüssel vorzustellen, um damit das Beihilfeverfahren abzuwenden. Damit wäre dann der Weg frei gewesen für eine Neuausrichtung des Nürburgrings (hier nun nur die motorsportliche Seite der Anlage gemeint) im Sinne des Breitensports. Leider wurden alle Ansätze dieser Art abgeblockt, in der Hauptsache von den Insolvenzverwaltern. Der Motorsport wurde bewusst aus allen Gremien herausgehalten, warum auch immer. Offensichtlich verfolgen die Insolvenzverwalter das Ziel, die gesamte Anlage so schnell wie möglich irgendwie zu verkaufen. Das ist aus ihrer Sicht der einfachste und schnellste Weg, und für sie selbst wohl auch der lukrativste.
Bezeichnend ist dabei die Flut von Presseartikeln, die am gestrigen Donnerstag wie bestellt losgelassen wurden. Die Pressevertreter wurden von den Insolvenzverwaltern informiert, durften aber nur nach einer Sperrfrist bis Donnerstag morgen die Fakten publizieren. Genau also einen Tag vor der Versammlung des Vereins "Ja zum Nürburgring". Wer da nicht an Absicht denkt, dem ist wohl nicht zu helfen.
In vier Wochen soll die offizielle Ausschreibung herausgegeben werden, dann wird der Ring verkauft, an wen auch immer. Da die EU ein bedingungsloses Ausschreiben vorschreibt, ist es unsinnig, wenn jetzt schon behauptet wird, dass Scheiche und Oligarchen nicht bieten dürfen. Es stimm auch nicht, dass der Ring kurz vor der Schließung steht, wenn nicht ausgeschrieben wird. Es stimmt nur, dass eine Panikstimmung verbreitet werden soll, damit die schnelle Ausschreibung gerechtfertigt werden kann. Warum soll man sich denn mit dem Motorsport mehr Mühe machen? Hauptsache, das Ding ist weg, und alle haben ihre Ruhe...
Die RCN-Führung war mit Kalle Breidbach, Hans-Werner Hilger und Werner Klasen sehr gut vertreten, Karl Mauer von der VLN war ebenfalls da. Sie alle waren wie auch die sicher über 100 sonstigen Anwesenden sehr bestürzt über die Art und Weise, wie die Unterstützungsaktionen von Otto Flimm abgeblockt werden.
Und damit sind wir wieder bei den Motorsportlern, die allesamt in Ruhe ihre Saison vorbereiten. Macht das Testen im Süden Spaß? Hat das neu aufgebaute Auto wieder mal viel mehr Geld verschlungen als geplant? Schon mal dran gedacht, wo man sonst noch mit dem Auto fahren könnte, wenn die Nordschleife mal zu ist? Nichts passiert über Nacht, und auch bei einem Verkauf wird nicht alles gleich dicht gemacht. Aber in fünf oder sechs Jahren sieht es dann bitter aus.
Es geht nicht mehr um einen Journalisten mit extremem Blickwinkel, es geht auch nicht um facebook-Aktivisten oder den zu Unrecht oft verurteilten Mike Frison (dem ich auch ganz gerne sage, was ich an seinen Posts nicht gut finde). Es geht nun darum, dass der Motorsport insgesamt aus diesem Prozess ausgeschlossen ist und - was noch viel schlimmer ist - bei der Entscheidungsfindung offensichtlich so gut wie nicht berücksichtigt wird. Leute mit Motorsportkenntnissen gibt es in den Entscheidungsgremien nur Wenige, wenn überhaupt.
Vielleicht denkt jeder Fahrer und Teamchef mal darüber nach, wie für ihn selbst und sein Team die Zukunft aussehen wird, wenn der Ring verkauft wird. Ob oder in welcher Form dann dort noch Motorsport betrieben wird, ist völlig offen. Touristenfahrten? Welcher private Besitzer wäre denn so blöd, dieses gigantische Risiko auf sich zu nehmen?
Aber wahrscheinlich liest das ja sowieso kein Fahrer oder Teamchef, man liegt ja jetzt unter dem Auto oder putzt an seinem Helmvisier herum. Sind ja nur noch ein paar Tage bis zum Saisonbeginn, und dann ist ja wieder alles beim Alten. Oder vielleicht doch nicht?
In diesem Sinne: